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Warum? ein Erklärungsansatz

30. September 2010 um 20:53 Letzte Antwort: 1. Oktober 2010 um 9:06

Hey Leute!
Hab' grad mal ein bissl durch meine alte Dateien geforstet und bin ganz zufällig auf das hier gestoßen. War früher selbst mal Magersüchtig und hab' mir so meine Gedanken dazu gemacht.,, Dachte ich poste es einfach mal hier. Vielleicht bringt es jemd. was
alles liebe


"Ich bin Magersüchtig! Und ich fühle mich meinem 'Ich' näher, fühle mich mehr wie ich selbst wenn ich versage oder dabei bin zu versagen. Und ich habe mich gefragt, warum das so ist?!
Bei der Magersucht geht es u.a. um das Getrieben-sein bzw. den passiven Protest dagegen. Unsere heutige Zeit lässt dem Individuum keinen Raum, keinen Raum sich aus sich selbst heraus zu entwickeln, herauszufinden wer man wirklich ist, was man wirklich kann und wo man gerne hingehören möchte. Man ist gezwungen, das zu tun, was von einem verlangt wird. Von klein auf müssen wir uns an Regeln anpassen und tun was von uns verlangt wird, damit 'Mama und Papa ja, die ganze Welt, zufrieden mit uns ist, wir ein angepasstes Kind, ein unauffälliger Jugendlicher, ein respektierter Erwachsener werden. Doch wo bleibt da Raum für Kreativität, für das Suchen, das Suchen nach einem Selbst nach dem Prinzip 'Try and Error'. Das Versagen gilt in unserer Gesellschaft als sozial schlimmstes Verbrechen, auch wenn das selten offen angesprochen wird. Doch das Naserümpfen und die abschätzigen Blicke sagen meist genug. Das Versagen liegt in der Person begründet und nicht in den Umständen. Die Person hat sich zu bemühen und wenn sie das offensichtlich nicht zur Genüge getan hat und versagt, ist es ihre Schuld. So bringt kaum einer den Mut auf und macht sich auf den Weg gegen den Strom zu schwimmen. Als Kind oder Jugendlicher ist dies umso schwerer und umso fataler, da dies die wichtigste Entwicklungsphase ist und zum großen Teil festgelegt wird, wie wir uns auch später verhalten und was wir aus unserem Leben machen werden.
Magersüchtige spüren diese gesellschaftlich und sozialen Zwänge sehr stark. Vielleicht weil sie von Geburt an 'sensibler' sind, eine 'vulnerablere' Persönlichkeit besitzen. Von klein auf waren sie bemüht sich so zu verhalten wie es ihre Umgebung von ihnen wünschte. Doch spürten sie immer, dass es irgendwie 'nicht sie selbst' waren, die da sprachen und handelten. Mit wachsendem Alter werden die Anforderungen größer. Vor allem in unserer Zeit und Gesellschaft die auf Wettbewerb und Leistung großen Wert legt, spüren die Jugendlichen einen zunehmenden Druck. Viele werden diesen Anforderungen nicht gerecht ob nun willentlich aus aktivem Protest oder nicht. Von Jugendlichen werden immer größere Anpassungsleistungen verlangt. Und vor allem die Angst wird geschürt. Wenn man nicht halbwegs gut in der Schule ist, findet man keinen Job. Und wehe man kommt auf die Hauptschule. Nach der Schule geht es möglichst fließend in eine Ausbildung oder Studium über, alles andere wäre Zeitverschwendung. Auch wenn manche sich vielleicht dann für ein Jahr ins Ausland absetzen, sich eine 'Auszeit' nehmen, dient dies meist nicht zur Selbstfindung, sondern dem eigenen Vergnügen oder gar der Karrierevorbereitung.
Fazit: Es bleibt den Jugendlichen einfach keine Zeit oder es wird ihnen keine Gelegenheit gegeben herauszufinden wer sie wirklich sind und was sie wirklich wollen. Geschweige denn, dass dies überhaupt erwünscht wäre. Denn wenn jeder machen würde, was er will, wo kämen wir denn da hin, ist die gängige Meinung.
Die Magersucht ist dabei nur eine Möglichkeit diese Spannung auszudrücken. Eine Magersüchtige verhungert, sie wird kontinuierlich weniger. Aber sie tut das nicht, wie sie jedem erzählen wird, weil sie es will, sondern weil sie nicht anders kann. Sie hat keine Möglichkeit anders auszudrücken was ihr fehlt. Denn sie weiss es nicht. Sie ist sich nicht bewusst, dass sie nie die Möglichkeit hatte frei zu sein, eine eigene Identität, einen eigenen Lebensweg zu finden, den sie gehen möchte. Und so wird ihr Körper mehr und mehr verschwinden, symbolisch zu ihrer nicht-vorhandenen Freiheit und Identität.
Eine Möglichkeit wäre aus diesem Kreis auszubrechen. Für die Betroffenen Raum zu schaffen, der ihnen die Möglichkeiten und Zeit gibt herauszufinden wer sie wirklich sind, was in ihnen steckt, ohne Druck und Leistungszwang. Und eine Zunkunft bereitstellt, die ihre eigenen Lebensentwurf Rechnung trägt und von ihnen selbst gestaltet wird.
Somit geht es letztlich auch um Autonomie Autonomie von gesellschaftlichen und sozialen (Rollen)anforderungen. Und die Freiheit der zu sein, der man ist und vor allem die Möglichkeit zu bekommen, diesen jemand zu finden.

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1. Oktober 2010 um 9:06

Gute Gedanken zu einem großen
Also ich habe deinen Text mit sehr großem Interesse gelesen und bin von der Präzision deiner Gedanken echt beeindruckt. Schön, dass sich mal jemand Gedanken macht, woher diese ES kommt. Dieses "Ausbrechen" ist leider nicht immer so einfach. Wie du schon sagst - die Gesellschaft lässt einen nicht. Ein kleines Beispiel von mir: ich hatte in meiner Jugendzeit wunderschön dunkelpink gefärbte Haare, ich habe diese Farbe geliebt. Immer wenn ich in den Spiegel geschaut habe, haben meine Haare mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert. Tja und dann ging es um die Ausbildungsplatzsuche und der pinke Traum war ausgeträumt. Mit bunten Haaren wird man halt nicht eingestellt, zumindest nicht im Büro. Heute bin ich 26 und würde immernoch mit pinken Haaren rumlaufen, wenn ich wüsste, dass ich dadurch keine Nachteile habe.

Das war jetzt nur mal eine kleine Anekdote von mir, so als Beispiel, in welch kleinen Dingen man schon von der Gesellschaft eingeschränkt wird.

Doch was ist die Lösung bei all dieser Homogenisierung? Man kann ja schlecht auf eine einsame Insel auswandern (obwohl ich zugegebenermaßen täglich daran denke)

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