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Relativ positiver Bericht - vorsicht lang

28. September 2015 um 23:21

Hallo zusammen
ich lese hier schon lange Zeit mit, habe aber selbst bis jetzt nur sehr wenig geschrieben. Durch das Mitlesen habe ich allerdings sehr viele positive Anregungen und Informationen mitnehmen können. Nun möchte auch ich euch Mut machen, dass es wirklich machbar ist, etwas gegen die Essstörung zu unternehmen und wieder an Lebensqualität dazu zu gewinnen! Ich bin vor ca. 2 Jahren wegen diversen Lebensereignissen in eine Magersucht gerutscht. Jedoch hatte ich auch zuvor schon psychische Probleme, die mir allerdings nie so recht bewusst waren. Durch die Magersucht ging es mir dann irgendwann sehr schlecht.. Nichts hat mehr Spaß gemacht, ich war gefühlt ein Zombie, habe nur auf die Uhr gestarrt und aufs nächste selbst erlaubte Essen gewartet, habe gefroren, Kreislaufprobleme, Haarausfall, Müdigkeit und gleichzeitige Schlaflosigkeit, Antriebslosigkeit, Weinattacken, ... Als ich meine Essstörung erkannt habe, habe ich trotz großer Angst eine ambulante Therapie angefangen (man muss eigentlich keine Angst haben, das weiß ich jetzt! und mit Hilfe meines Freundes zugenommen! Ich habe in der Zeit sehr viele Bücher und Internetseiten über das Thema gelesen und mich über Selbsthilfe informiert, unter anderem in diesem Forum! Schritt für Schritt habe ich wieder mehr Lebensmittel eingebaut, angefangen 3-5 Mahlzeiten zu mir zu nehmen und mich langsam aber sicher gewichtstechnisch "hoch" zu essen. Das Wissen um die Erkrankung hat mir dabei geholfen. Zu erst habe ich immer die gleichen Mahlzeiten gegessen. Das ist denke ich am Anfang auch okay, da das Essen selbst erst mal am aller wichtigsten ist. Man bekommt mit der Zeit Sicherheit im Umgang mit Essen.. Habe z.B. anfangs sehr viel Döner gegessen! Die ersten waren überwindung, bis ich merkte, dass nichts passiert und ich diesem Lebensmittel Vertrauen schenkte. Nach und nach konnte ich immer mehr Lebensmittel und Gerichte in meinen Speiseplan einbauen. Sehr hilfreich war mein Freund, der mir immer wieder bestätigte, dass es richtig ist, was ich tue! Das schlechte Gewissen nach dem Essen war trotzdem präsent.. habe es ausgehalten so gut es geht mit Ablenkung, Fernsehen, Wärmflasche, Tee, Freunde treffen, einkaufen/shoppen, spazieren,... Kranke Gedanken hatte ich relativ lange, auch "kleinere" bis größere Rückfälle bzw. Rückschritte.. Habe aber immer wieder erkannt, dass es kranke Gedanken bzw. krankes Verhalten ist und mich immer wieder dagegen gestemmt! Es war lange ein hin und her von Essen und nicht essen.. kranken und gesunden Gedanken.. Streit im Kopf.. Ein Kampf.. alles nicht einfach.. Am meisten hat mir geholfen, mir bewusst zu machen, dass es ohne essen nicht geht, dass das Essen bzw. nicht essen keine Probleme löst, das ich auch mit regelmäßiger Nahrungsaufnahme ein toller Mensch bin, dass ich durchs Hungern nicht glücklicher werde, dass ich dadurch auch nichts leiste und auch kein besserer Mensch werde! Da ich mich wie viele andere Betroffene auch zunehmend von der Umwelt isoliert habe, habe ich mich dann auch "gezwungen" wieder unter die Leute zu gehen! Geholfen haben mir schöne Erlebnisse wie z.B. Weihnachtsmärkte, wo ich dann auch wieder heißen Kaba, Waffeln und Crepes essen konnte.. Habe zu der Zeit allerdings auch oft wieder Sport gegen das schlechte Gewissen getrieben.. Habe dies dann aber auch weitgehend eingestellt.. Es war teilweise wirklich schwer, das schlechte Gefühl und die Angst auszuhalten.. Am schwierigsten waren eigentlich der Anfang der Zunahme sowie das ankommen im Normalgewicht.. Dort habe ich dann oft wieder mit dem Essen eingespart um nicht über das Normalgewicht zuzunehmen.. Da hat meine Angst auch oft wieder gesiegt.. Es war wirklich schwierig, sich dagegen zu stemmen.. Allerdings bin ich nicht ins Übergewicht gerutscht und habe auch nicht unendlich zugenommen.. Ich glaube heute auch, dass auch wenn man ein bisschen übers Ziel hinausschießen sollte, sich das Gewicht im Laufe der Zeit auch wieder einpendelt.. Bei mir persönlich scheint die Set-Point Theorie zu stimmen.. Schlafen hat mir übrigens auch oft geholfen.. Konnte, als ich wieder anfing mehr zu essen, auch endlich wieder richtig schlafen! Ich konnte die Gewichtszunahme Schritt für Schritt zulassen, auch wenn ich sehr Angst davor hatte. Wichtig ist, denke ich, die Angst vor dem Normalgewicht und dem Zunehmen erstmal zu akzeptieren, sich aber trotzdem nicht ins Hungern zu flüchten sondern weiterhin regelmäßig und ausreichend zu essen! Die Angst also auszuhalten und trotzdem weiter zu machen! Weiterhin sind schöne Tätigkeiten und Erlebnisse wichtig, auch wenn man sich anfangs oft noch aufraffen bzw. dazu zwingen muss.. Habe z.B. Entspannungstraining an einer Volkshochschule gelernt und Mützen gehäkelt! Der Anfang war immer sehr schwer, ich war lustlos und depressiv.. aber dann hat es doch immer Spaß gemacht! Zuerst nur ein bisschen dann aber immer mehr. Das hat auch geholfen! Wichtig ist auch, zu lernen, auf seinen Körper zu hören, der sagt einem wirklich was er braucht. Wenn man müde ist, sollte mal schlafen, wenn man gestresst ist, sich was schönes gönnen oder einfach eine entspannende Tätigkeit finden,... Anfangs ist es schwierig, die Signale des Körpers einzuschätzen, aber auch das kann man lernen. In der Therapie wurde das Thema Essen übrigens kaum angesprochen! Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass die Essstörung nur ein Symptom für andere Probleme ist, dass sie diese nicht löst und dass das "eigentliche" Problem woanders liegt.. Z.b. nicht gut genug zu sein, nicht geliebt und gemocht zu werden, sich von scheinbar unlösbaren Problemen abzulenken, eine innere Leere zu füllen, Gefühle und das Leben unter Kontrolle zu bringen,... Wichtig ist die Arbeit am Essen sehr wohl, allerdings sollte die Arbeit an der Seele/Psyche ebenfalls nicht zu kurz kommen. Ansonsten ist der Erfolg im Kampf gegen die Essstörung meist nicht ausreichend bzw. nachhaltig. Bei mir kamen im Laufe der Zeit auch weitere psychische Probleme zum Vorschein, die lange Zeit "hinter" der Magersucht versteckt waren.. Mittlerweile kann ich vieles wieder guten Gewissens essen, kann wieder lachen, kann alle Lebensmittel essen, habe Energie und Freude, denke nicht mehr den ganzen Tag über Essen nach, kann auch spontan etwas essen, ich zähle keine Kalorien mehr, schätze Essensmengen nur noch per Augenmaß ab, auch die Waage brauche ich nicht mehr oft... Als ganz geheilt kann ich mich leider trotzdem noch nicht bezeichnen, da ich manchmal noch einen Kampf in meinem Kopf führe z.B. wenn ich mal viel mehr gegessen hab als gewöhnlich. Die gesunde Seite schafft es dann aber meistens, sich durchzusetzen. Selten spare ich dann doch wieder ein, merke aber dann gott sei dank recht schnell, dass das nicht richtig ist und korrigiere mich wieder. Mein Körper zeigt mir mittlerweile meistens durch Hungergefühl, selten auch durch andere Anzeichen, wann ich essen muss. Das einzige was mir jetzt noch im Wege steht, sind meine "eigentlichen" psychischen Probleme, die lange hinter meiner Magersucht standen.. diese sind jetzt wieder im Vordergrund und machen mir mein Leben schwer.. Dies ist vermutlich auch der Grund, warum meine Magersucht immer noch im Hintergrund lauert und noch nicht komplett verschwunden ist.. Diese Probleme will ich allerdings nun angehen und evtl. auch in eine Klinik gehen. Manchmal wünschte ich, ich wäre schon früher in eine Klinik gegangen.. Ich glaube dass man dort am besten unterstützt wird bei den ersten Schritten im Kampf gegen die Essstörung. Auch ärztliche Aufsicht ist wichtig, damit man einfach medizinisch betreut und abgesichert ist. Genauso ist auch eine Ernährungsberatung empfehlenswert, die auch bezüglich den Mengen, der Zubereitung etc. Tipps und Hilfe bieten kann.Je mehr Hilfe man sich organisiert, desto besser! Ohne meinen Freund hätte ich es vermutlich auch nicht geschafft. Gerade beim Wiedereinstieg ins "normale" Essen bei zuvor starker Nahrungsreduktion und starkem Untergewicht ist ärztliche Betreuung sehr sehr wichtig unter anderem wegen der Gefahr eines Refeeding-Syndroms. Habe mich auch immer irgendwie geschämt zum Arzt zu gehen und hatte Angst, nicht ernst genommen zu werden und tue dies immer noch. Aber bestätigt hat sich das nie, auch wenn eine Ärztin mal ein bisschen verständnislos wirkte, habe ich diesen Besuch trotzdem überlebt! Ist halt wieder Überwindungs-Sache, so wie vieles.. Denke, dass vieles auch falsche Wahrnehmung sein könnte.. Noch zur Zunahme: Als ich wieder anfing zu essen, steigerte ich zunächst langsam.. Irgendwann kam ich allerdings an den Punkt, an dem mein Hunger sehr stark wurde. Der Körper will sich halt alles zurückholen. Hatte dann auch einige Fressattacken und trotz vielem Essen am Abend nachts wieder extremen Hunger. Habe diese aber versucht zuzulassen und nur geringfügig zu kontrollieren, dass es eben nicht komplett ausartet. Dieser extreme Hunger im Untergewicht nach langer Fastenzeit macht vielleicht erstmal Angst, ist aber völlig normal (habe sogar mal eine medizinische Begründung gelesen, weiß diese aber grade leider nicht mehr ) Habe die negativen Gefühle und das Völlegefühl dann mit Tee, Fernsehen und Wärmflasche irgendwie durchstehen können. Anfangs nahm ich relativ schnell ca. 3-4 Kilo zu, dann stagnierte es und ging langsam in die Höhe. Habe mich dann auch nicht mehr oft gewogen um von der Kontrolle wegzukommen. Das Gewicht ist dann sehr langsam gestiegen, ab und zu hat es einen größeren Sprung gemacht, alles in allem habe ich 1 bis 1,5 Jahre gebraucht um 15 Kilo zuzunehmen, war aber auch nicht ganz so stark im Untergewicht. Bei starkem und länger bestehendem UG ist vermutlich eine schnellere Zunahme angezeigt. Ab und zu habe ich dann allerdings bei Rückfällen auch wieder 1-2 Kilo abgenommen, das war aber gott sei dank auch alles,weil ich die Kurve wieder irgendwie gekriegt habe. Mit BMI 19 und relativ stabilem Essverhalten habe ich dann auch wieder ein bisschen mit Sport angefangen und mache nun in angemessenem Umfang ca. 2-3 mal die Woche eine Stunde Sport, mal mehr mal weniger.. Meine gesunde Seite hat immer ein Auge auf das Ausmaß, damit ich es nicht übertriebe.. Habe nun nach 2 Jahren wieder einen BMI von 21, (ja hätte ich mir damals nieeemals zugetraut ) und fühle mich relativ wohl in meinem Körper! Komischerweise sehe ich mich jetzt nicht wirklich viel dicker als früher. Schon krass, wie einem diese Körperschemastörung einen Streich spielt. Klar bin ich auch heute nicht 100% zufrieden mit meinem Körper und finde wenn ichs drauf anlege viele Makel, schaue meinen Körper dann einfach nicht mehr so oft im Spiegel an Egal wie viel ich wiege, ich finde mich immer zu dick, aber das Wissen um diese falsche, unrealistische Wahrnehmung hilft mir.. Was noch geblieben ist, ist leider immer noch die Angst davor, unkontrolliert zuzunehmen. Ist aber jedes mal wieder unberechtigt! Unter der Woche esse ich relativ normal, am Wochenende schlage ich schon mal über die Strenge! Aber mein Gewicht bleibt! Trotzdem fühle ich mich bei vielem Essen manchmal noch schlecht und habe Angst. Zudem achte ich auf gesunde Ernährung und meine Magersucht redet mir schon immer wieder ein, dass ich doch lieber ein bisschen abnehmen sollte und dies und das nicht essen sollte.. Habs aber im Griff! Jedoch ist mein heutiges Leben im Bezug auf die Esstörung kein Vergleich zu früher. Nur die Untergrundprobleme sind mittlerweile wieder sehr präsent (Depression, Angststörung, PTBS). Die Magersucht hat diese halt lange überdeckt. Das Bewusstsein, dass die Magersucht die Hintergrundprobleme nicht löst, hilft mir immer wieder, die Magersucht in den Griff zu bekommen. Ich hoffe dies bleibt so und verbessert sich noch ein bisschen. Habe schon Angst, dass ich eines Tages wieder reinrutsche.. Dies ist aber eine berechtigte Angst die mich vielleicht sogar davor schützen kann.. Alles in allem kann man nur sagen, dass eine Therapie durchaus viel Hilfe leisten kann und dass jeder so seinen individuellen Weg finden muss. Ich habe auch lange nach einer "Anleitung" zur Heilung gesucht, aber keine gefunden.. Auch jetzt finde ich keine.. Es ist wohl ein Prozess und ein Haufen Arbeit, aber ich denke man kann es auf jeden Fall schaffen! Mal schauen was sich in Bezug auf meine anderen Probleme noch tut. Was sind z.B. 5 Jahre Kampf im Vergleich zu +50 Jahren Leben! Es ist hart aber wenn der Kampf überstanden ist, dann hat man enorm viel dazu gelernt und Erfahrungen und Stärke, die einem keiner mehr nehmen kann! Manche Leute haben einfach Probleme, Schwierige Voraussetzungen usw. Vielleicht ist es auch für manche Leute eine Art Lebensaufgabe, die ihnen gegeben wurde.. Eine Erfahrung, die zu machen ist.. Eine Lösung, die erarbeitet werden muss, um das Leben im Anschluss aus einem anderen und auch tiefgründigerem, komplexerem, dankbarerem Blickwinkel sehen zu können. Viel Glück, Erfolg und Durchhaltevermögen an euch alle! Wo ein Wille ist da ist auch ein Weg! P.S. Sorry für den langen Text und eventuelle Fehler

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29. September 2015 um 21:29

Hallo 19jojo94,
wow, vielen Dank für deine Geschichte, sie macht mir wirklich Mut und Hoffnung, dass es einen Weg heraus gibt, dass es besser werden wird - denn oft denke ich, dass es "unmöglich" ist, weil es einen einfach so sehr beeinflusst und wirklich den ganzen Körper beansprucht bzw. überanstrengt. Manchmal verlässt einen einfach der Glauben daran, dass man das durchstehen wird - aber Aufgeben macht das ganze eben noch schlimmer.
Ich danke dir wirklich sehr dafür, dass du deine Erfahrung geteilt hast - mich hat sie erreicht und wenn ich mal wieder zweifeln sollte, weiß ich ja jetzt, was ich mir dann durchlese
Liebe Grüße

leuchtfunken

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