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Nagelhaut knibbeln, Skin picking

14. Dezember 2017 um 22:08 Letzte Antwort: 15. Dezember 2017 um 15:05

Hallo Internet!

Ich habe mich dazu entschlossen diesen Beitrag zu verfassen, um Leidensgenossinnen Mut zu machen und dieses Thema einfach mal anzusprechen!

Es ist nicht einfach all die Dinge in Worte zu fassen die dieses Problem betreffen, selbst die Auswahl einer treffenden Kategorie zu diesem Problem war eine Herausforderung. Eine Mischung aus Beauty, Gesundheit und Psychologie wäre wohl eindeutiger gewesen.

Dieser Beitrag wird wahrscheinlich nur Diejenigen ansprechen, die diese schlechte Angewohnheit mit mir teilen. Deswegen möchte ich nur kurz beschreiben was sich dahinter verbirgt; nervöse Stimmungen, Stress, Langeweile oder kein wirklich erkennbarer Grund sind der Auslöser die Haut um die Nägel exessiv kaputt zu knibbeln und zu beißen. Schmerzende Nagelbetten, offene, blutende Wunden und vorallem Scham sind die Folgen.

In meinem Fall zieht sich dieser, wie ich ihn nenne, "Tick" schon seit meinem 16. Lebensjahr bis heute (23). Ausschlaggebend war eine schwierige Jungendzeit mit einer anschließenden Depression, die ich glücklicherweise schnell hinter mir lassen konnte. In dieser Zeit begann ich meine negativen Gedanken und Gefühle in mich reinzufressen und durch das knibbeln an meiner Haut, und damals auch an meinen trockenen Lippen, zu kompensieren. Auf eine unbeschreibliche Art und Weise hat mich dieses Gefühl befriedigt.
Die schlimmen Zeiten gingen vorüber und das Leben funktionierte wieder gut, doch meinen Tick wurde ich dennoch nicht los. Auch wenn es bergauf geht, hinterlassen solche einschneidenden Ereignisse Spuren, die nur schwer wieder loszuwerden sind.
Also knibbelte ich weiter und weiter. Manchmal tut man es unbewusst, aber manchmal auch nicht. Man sitz dort, sieht sich seine kaputten Finger an und findet eine neue Stelle, einen "Anfang". Absolut bewusst zerstört man sich weiter, mit dem Wissen um die Folgen.
Irgendwann fing ich an mich fürchterlich zu schämen, denn den ersten Freunden und Bekannten fiel auf was ich da tat. Ich entwickelte neue, anatomisch fremde Haltungen meiner Finger um sie bloß niemandem zeigen zu müssen. Bald bemerkte ich dass meine Finger im normalzustand schon schrecklich aussahen, aber nach dem Duschen oder Baden quollen meine Nagelbetten auf und glichen den Händen einer Wasserleiche. So musste ich mir also auch noch Ausreden überlegen, um mit meinen Freunden nicht mehr schwimmen gehen zu müssen. An Mädelsabenden verweigerte ich die kollektive Maniküre und vermied jede Situation in der meine Hände hätten im Mittelpunkt stehen müssen.
Gerne würde ich sagen "ich habe es doch versucht", aber das wäre gelogen. Klar habe ich darüber nachgedacht es zu lassen, doch wirklich engagiert waren diese Versuche nicht. Einen oder zwei Tage schafft man es mit reiner Willenskraft und dann kommt eine unerwartete Rechnung, ein ätzender Arbeitskollege der einem seine Arbeit auf den Schreibtisch knallt, oder irgendein anderes, stressauslösendes Ereignis, das einem die Rechtfertigung liefert seine Enthaltsamkeit zu brechen und weiter zu knibbeln.

Die Vergangenheitsform entspricht eigentlich nicht wirklich der Situation. Bis vor ca. 2 Wochen praktizierte ich diese Form von, ich nenne es beim Namen, denn nichts anderes ist es, Selbstverstümmelung. Doch dann, absolut unerwartet und auch unbedeutend, machte ein kleiner Mechanismus "klick" in meinem Kopf. Eine Nachricht von einem Unbekannten in einem Chatportal, der mir schrieb er achte nicht auf einen schönen Körper oder Gesicht bei einer Frau, sondern auf ihre Hände. Jemand den ich nicht einmal kannte, machte mir bewusst, dass meine hässlichen Hände ein K.O. Kriterium sein können. Ein Grund weswegen ich einen vielleicht interessanten Menschen nicht kennenlernen kann. Er bat mich um ein Bild von meinen Händen - und wieder eine Ausrede warum ich meine Hände nicht zeigen kann.
Ich weiß nicht warum, aber diese Konfrontation, so unwichtig sie auch scheinen mag, hat mir bewusst gemacht was ich da eigentlich tue. Denn solange alle es tolerieren und es für dich mit ignorieren, funktioniert es auch. Man rechtfertigt es vor sich selbst, es ist schon okay, es fällt ja gar nicht richtig auf... Niemand spricht einen wirklich darauf an, denn es ist aus beider Sicht unangenehm.

Wahrscheinlich versprecht ihr euch nach diesem langen Geschwafel eine Pauschallösung, denn auch ich habe in den anderen Beiträgen danach gesucht. Dumme Sache, es gibt sie nicht - ihr wusstet das schon vorher!

Nun zum ermutigenden Teil.
Alles was ich nun als Tipps aufführe ist keinesfalls in irgendeiner Weise belegt. Es sind reine Erfahrungen und Gedanken, die ich gerne teilen möchte. Wenn sie mir helfen, dann vielleicht auch jemand anderem. Und wenn es nur einer ist.
Zuerst geht es meiner Meinung nach darum die Angewohnheit nicht mehr nur zu dem eigenen Problem zu machen und zu versteckenn, sondern jemanden mit ins Boot zu holen und es offen zu legen. Bei mir war es eine seltsame Fügung, aber das Schicksal ist ja bekanntlich eine lahme Ente, also besser nicht darauf warten. Vielleicht könnte es helfen jemanden anzusprechen, dem ihr nicht unbedingt sehr nahe steht. Fragt ihn nach seiner absolut ehrllichen Meinung. Lasst euch die eklige, rote, kaputt geknibbelte Wahrheit direkt ins Gesicht sagen!
Wenn der Wille wirklich und aufrecht da ist, das Problem anzugehen, dann bringt das Wind in die Segel. Man kann das schaffen, man muss es nur wollen und braucht einen Ansporn.

Ich bin gerade in der Euphorie-Phase; ich fühle mich gut und meine offenen Stellen sind zu, aber das war ja noch lange nicht alles. Wie bin ich zu diesem Punkt gekommen? Eiskalte Disziplin! Das Verlangen kommt und man will loslegen, aber nein! Sieh dir deine Finger erst an, schau genau hin - und dann schnapp dir Handcreme. Sie muss immer dabei sein. Schmierige Hände lassen sich nämlich echt schwierig kaputt knibbeln. Klar es gibt Nebenwirkungen, wie fettige Fingerabtrücke auf allem was einen umgibt. Aber hey, es gibt schlimmeres. Der schlimmste Teil ist die "Baustellen" zu schließen. Die Krater und Zipfel an denen sich so super rumknibbeln lässt. Sind die geschlossen geht es nur noch um das wieder "schön" werden. Ich reibe mir zwei mal am Tag meine vernarbten, roten Finger mit Bi-Oil ein. Das soll keine Schleichwerbung sein, aber über dieses Öl habe ich in Bezug auf Narben schon viel gutes gehört, also was soll's. Das Ergebnis nach ca. 2 Wochen sind zumindest glatte Finger die sich sehr geschmeidig anfühlen. Trotzem finde ich in der einen oder anderen Situation eine kleine Stelle und zupfe sie ab. Aber das ist okay, von jetzt auf gleich funktioniert es halt nicht. Auch schwache Momente gehören dazu, einfach weiter daran denken wie gerne man mal wieder schwimmen gehen möchte, ohne seine Hände im Handtuch vergraben zu müssen.


So, das war viel Text. Ich hoffe ich kann jemanden dazu bewegen ebenfalls seinen Beitrag in diese Runde einzubringen. Ich würde gerne andere Sichtweisen kennenlernen und Schicksale und Erfahrungen teilen.
Ich werde auch versuchen meine "Genesung" hier festzuhalten, falls das bei jemandem Anklang findet.

Jetzt ist aber Schluss, ich glaube an euch alle. Ihr könnt das schaffen und auch eine von den "Ich-poste-meine-hübsch-lackierten-Nägel-bei-Facebook-" Mädchen sein!!

Liebe Grüße!

 

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15. Dezember 2017 um 15:05
In Antwort auf horizon1234

Hallo Internet!

Ich habe mich dazu entschlossen diesen Beitrag zu verfassen, um Leidensgenossinnen Mut zu machen und dieses Thema einfach mal anzusprechen!

Es ist nicht einfach all die Dinge in Worte zu fassen die dieses Problem betreffen, selbst die Auswahl einer treffenden Kategorie zu diesem Problem war eine Herausforderung. Eine Mischung aus Beauty, Gesundheit und Psychologie wäre wohl eindeutiger gewesen.

Dieser Beitrag wird wahrscheinlich nur Diejenigen ansprechen, die diese schlechte Angewohnheit mit mir teilen. Deswegen möchte ich nur kurz beschreiben was sich dahinter verbirgt; nervöse Stimmungen, Stress, Langeweile oder kein wirklich erkennbarer Grund sind der Auslöser die Haut um die Nägel exessiv kaputt zu knibbeln und zu beißen. Schmerzende Nagelbetten, offene, blutende Wunden und vorallem Scham sind die Folgen.

In meinem Fall zieht sich dieser, wie ich ihn nenne, "Tick" schon seit meinem 16. Lebensjahr bis heute (23). Ausschlaggebend war eine schwierige Jungendzeit mit einer anschließenden Depression, die ich glücklicherweise schnell hinter mir lassen konnte. In dieser Zeit begann ich meine negativen Gedanken und Gefühle in mich reinzufressen und durch das knibbeln an meiner Haut, und damals auch an meinen trockenen Lippen, zu kompensieren. Auf eine unbeschreibliche Art und Weise hat mich dieses Gefühl befriedigt.
Die schlimmen Zeiten gingen vorüber und das Leben funktionierte wieder gut, doch meinen Tick wurde ich dennoch nicht los. Auch wenn es bergauf geht, hinterlassen solche einschneidenden Ereignisse Spuren, die nur schwer wieder loszuwerden sind.
Also knibbelte ich weiter und weiter. Manchmal tut man es unbewusst, aber manchmal auch nicht. Man sitz dort, sieht sich seine kaputten Finger an und findet eine neue Stelle, einen "Anfang". Absolut bewusst zerstört man sich weiter, mit dem Wissen um die Folgen.
Irgendwann fing ich an mich fürchterlich zu schämen, denn den ersten Freunden und Bekannten fiel auf was ich da tat. Ich entwickelte neue, anatomisch fremde Haltungen meiner Finger um sie bloß niemandem zeigen zu müssen. Bald bemerkte ich dass meine Finger im normalzustand schon schrecklich aussahen, aber nach dem Duschen oder Baden quollen meine Nagelbetten auf und glichen den Händen einer Wasserleiche. So musste ich mir also auch noch Ausreden überlegen, um mit meinen Freunden nicht mehr schwimmen gehen zu müssen. An Mädelsabenden verweigerte ich die kollektive Maniküre und vermied jede Situation in der meine Hände hätten im Mittelpunkt stehen müssen.
Gerne würde ich sagen "ich habe es doch versucht", aber das wäre gelogen. Klar habe ich darüber nachgedacht es zu lassen, doch wirklich engagiert waren diese Versuche nicht. Einen oder zwei Tage schafft man es mit reiner Willenskraft und dann kommt eine unerwartete Rechnung, ein ätzender Arbeitskollege der einem seine Arbeit auf den Schreibtisch knallt, oder irgendein anderes, stressauslösendes Ereignis, das einem die Rechtfertigung liefert seine Enthaltsamkeit zu brechen und weiter zu knibbeln.

Die Vergangenheitsform entspricht eigentlich nicht wirklich der Situation. Bis vor ca. 2 Wochen praktizierte ich diese Form von, ich nenne es beim Namen, denn nichts anderes ist es, Selbstverstümmelung. Doch dann, absolut unerwartet und auch unbedeutend, machte ein kleiner Mechanismus "klick" in meinem Kopf. Eine Nachricht von einem Unbekannten in einem Chatportal, der mir schrieb er achte nicht auf einen schönen Körper oder Gesicht bei einer Frau, sondern auf ihre Hände. Jemand den ich nicht einmal kannte, machte mir bewusst, dass meine hässlichen Hände ein K.O. Kriterium sein können. Ein Grund weswegen ich einen vielleicht interessanten Menschen nicht kennenlernen kann. Er bat mich um ein Bild von meinen Händen - und wieder eine Ausrede warum ich meine Hände nicht zeigen kann.
Ich weiß nicht warum, aber diese Konfrontation, so unwichtig sie auch scheinen mag, hat mir bewusst gemacht was ich da eigentlich tue. Denn solange alle es tolerieren und es für dich mit ignorieren, funktioniert es auch. Man rechtfertigt es vor sich selbst, es ist schon okay, es fällt ja gar nicht richtig auf... Niemand spricht einen wirklich darauf an, denn es ist aus beider Sicht unangenehm.

Wahrscheinlich versprecht ihr euch nach diesem langen Geschwafel eine Pauschallösung, denn auch ich habe in den anderen Beiträgen danach gesucht. Dumme Sache, es gibt sie nicht - ihr wusstet das schon vorher!

Nun zum ermutigenden Teil.
Alles was ich nun als Tipps aufführe ist keinesfalls in irgendeiner Weise belegt. Es sind reine Erfahrungen und Gedanken, die ich gerne teilen möchte. Wenn sie mir helfen, dann vielleicht auch jemand anderem. Und wenn es nur einer ist.
Zuerst geht es meiner Meinung nach darum die Angewohnheit nicht mehr nur zu dem eigenen Problem zu machen und zu versteckenn, sondern jemanden mit ins Boot zu holen und es offen zu legen. Bei mir war es eine seltsame Fügung, aber das Schicksal ist ja bekanntlich eine lahme Ente, also besser nicht darauf warten. Vielleicht könnte es helfen jemanden anzusprechen, dem ihr nicht unbedingt sehr nahe steht. Fragt ihn nach seiner absolut ehrllichen Meinung. Lasst euch die eklige, rote, kaputt geknibbelte Wahrheit direkt ins Gesicht sagen!
Wenn der Wille wirklich und aufrecht da ist, das Problem anzugehen, dann bringt das Wind in die Segel. Man kann das schaffen, man muss es nur wollen und braucht einen Ansporn.

Ich bin gerade in der Euphorie-Phase; ich fühle mich gut und meine offenen Stellen sind zu, aber das war ja noch lange nicht alles. Wie bin ich zu diesem Punkt gekommen? Eiskalte Disziplin! Das Verlangen kommt und man will loslegen, aber nein! Sieh dir deine Finger erst an, schau genau hin - und dann schnapp dir Handcreme. Sie muss immer dabei sein. Schmierige Hände lassen sich nämlich echt schwierig kaputt knibbeln. Klar es gibt Nebenwirkungen, wie fettige Fingerabtrücke auf allem was einen umgibt. Aber hey, es gibt schlimmeres. Der schlimmste Teil ist die "Baustellen" zu schließen. Die Krater und Zipfel an denen sich so super rumknibbeln lässt. Sind die geschlossen geht es nur noch um das wieder "schön" werden. Ich reibe mir zwei mal am Tag meine vernarbten, roten Finger mit Bi-Oil ein. Das soll keine Schleichwerbung sein, aber über dieses Öl habe ich in Bezug auf Narben schon viel gutes gehört, also was soll's. Das Ergebnis nach ca. 2 Wochen sind zumindest glatte Finger die sich sehr geschmeidig anfühlen. Trotzem finde ich in der einen oder anderen Situation eine kleine Stelle und zupfe sie ab. Aber das ist okay, von jetzt auf gleich funktioniert es halt nicht. Auch schwache Momente gehören dazu, einfach weiter daran denken wie gerne man mal wieder schwimmen gehen möchte, ohne seine Hände im Handtuch vergraben zu müssen.


So, das war viel Text. Ich hoffe ich kann jemanden dazu bewegen ebenfalls seinen Beitrag in diese Runde einzubringen. Ich würde gerne andere Sichtweisen kennenlernen und Schicksale und Erfahrungen teilen.
Ich werde auch versuchen meine "Genesung" hier festzuhalten, falls das bei jemandem Anklang findet.

Jetzt ist aber Schluss, ich glaube an euch alle. Ihr könnt das schaffen und auch eine von den "Ich-poste-meine-hübsch-lackierten-Nägel-bei-Facebook-" Mädchen sein!!

Liebe Grüße!

 

Hey ho 😃 Da hast du aber einen langen Text geschrieben. Ich bin auch „Skin Picker“ seit mehr als 10 Jahren. Ich drücke, quetsche, kratze Stellen in meinem Gesicht aus Zwang heraus. Warum ich das genau mache, das weiß ich nicht. Hinterher ärgere ich mich immer total und versuche die Wunde zu pflegen und abheilen zu lassen und muss mich immer wieder zusammen reißen, nicht dran zu gehen. Abdecken kann ich sie auch nicht, weil ich furztrockene Haut habe und sich Make up bei mir immer hässlich in den trockenen Stellen absetzt. Eine getönte Tagescreme bringt nicht genug Deckkraft mit. Falls jemand einen Tipp hat, immer gerne her damit. Ich schäme mich mega dafür und traue mich auch meist nicht die Wahrheit zu sagen und erzähle, dass es Pickel, Mückenstiche etc. waren, die ich aufgekratzt usw. habe. Total doof eigentlich. Manchmal fühle ich mich dadurch richtig hässlich und gehe erst wieder unter Leute, wenn die Wunden verheilt sind. Es sei denn, ich muss halt. Ich bin da richtig eingeschränkt im Leben. Liebe Grüße

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