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Magersucht als Personifikation

5. November 2014 um 9:53

Hallo liebe Mitglieder,

diese Diskussion könnte für den ein oder anderen überflüssig wirken. Das ist ein etwas "philosophisches" Thema, dass ich hier kurz ansprechen wollte.

Mir ist aufgefallen, dass viele die Magersucht als eine personifizierte Instanz sehen, die Kontrolle über unser Leben hat.
Ich verstehe diesen fatalistischen Gedanken nicht ganz und wittere dahinter einfach nur den Wunsch, seine EIGENE Verantwortung an etwas abzugeben, dass uns ja leiten würde. Ein abstraktes, imaginiertes Wesen, das im Grunde genommen gar nicht existieren dürfte.

Das führt meiner Meinung nach dazu, dass wir nicht unser eigenes Handeln in Frage stellen. Nicht wir sind es, die Tag und Nacht Kalorien zählen, sich ständig auf die Waage stellen, ihr Essen abwiegen, sondern es sei die MS oder von vielen als sich entpuppende "MS-Stimme", die uns ja dazu verleiten würde.

Ganz ehrlich finde ich so etwas schrecklich. Das wirkt so nach dem Motto: "Ich kann doch nichts dafür. Ich bin es doch nicht, die so ist, die MS tut es."
Nein, WIR sind es, die unser Handeln bestimmen.

Für viele ist diese Metapher nur ein Weg, sich nicht eingestehen zu müssen, dass wir uns so verhalten wollen.
Nicht eine unbekannte Instanz ist es, die unser Handeln führt. WIR sind die Handelnden Schuldigen.

Gibt es jemand, der vielleicht ähnlichen Gedankengang hat?
Ich habe nämlich das Gefühl, dass viele ihre "Krankheit" dafür verantwortlich machen, nicht sich selbst.
Ich hoffe, jemand versteht was ich meine.


LG
Calo

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5. November 2014 um 16:48

Ein toller Beitrag
Liebe Calo,

das ist eine Thematik, über die ich auch schon oft nachgedacht habe. Ich konnte mit diesem "die Anorexiestimme", die "Anorexie, die spricht" die "Anorexie, die einen zu irgendetwas treibt" nie etwas anfangen und war immer etwas verwundert, dass diese Art der Personifikation der Krankheit selbst von Therapeuten verwendet wird. Für mich steht diese Herangehensweise auch dafür, die Verantwortung für das eigene Handeln nicht übernehmen zu wollen. Vor dem Hintergrund, dass aber selbst "Fachleute" dieses Konzept heranziehen, habe ich ein bisschen zu Personifikation von Krankheiten recherchiert. Das Konzept wird ursprünglich nicht bei psychosomatischen, sondern bei somatischen Krankheiten angewendet und gilt als "intrapersonelle Resonanz" der Auseinandersetzung mit einer Krankheit, so sprechen beispielsweise Patienten mit ihren Tumoren o.ä.. Vielleicht mag diese Art der Auseinandersetzung mit der Krankheit manchen helfen, für mich fühlt sich das immer wie eine Selbstverleugnung bzw. wie eine Negierung der eigenen Verantwortung an.

Mir hat das Konzept, die Anorexie als Symptomatik und nicht als das eigentliche Problem zu sehen wesentlich mehr geholfen. Nicht das Essen, das Gewicht o.ä. sind das Problem, sondern es gilt herauszufinden, welche Probleme man dadurch versucht zu bewältigen bzw. zu verdrängen und aus welchem Grund man gerade das Nichtessen gewählt hat und nicht Selbstverletzung, Drogen, Alkohol etc. Das Problem ist aber natürlich dass die "Sucht" jenseits ihrer Gründe und Ursprünge eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Außerdem habe ich manchmal das Gefühl, dass unser Körper und unsere Seele dieses Verhalten als "Notfallstrategie" abgespeichert haben und es deshalb in schwierigen Situationen oft schwer fällt nicht "rückfällig" zu werden.

Aber ich glaube ich komme gerade vom Ursprungsthema ab: Ich halte genauso wenig von der Personifikation der Krankheit wie du und glaube, dass wir die Anorexie nur durch eigenverantwortliches Handeln endgültig hinter uns lassen können.

Liebe Grüße
Traumverloren

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5. November 2014 um 20:31
In Antwort auf traumverloren1

Ein toller Beitrag
Liebe Calo,

das ist eine Thematik, über die ich auch schon oft nachgedacht habe. Ich konnte mit diesem "die Anorexiestimme", die "Anorexie, die spricht" die "Anorexie, die einen zu irgendetwas treibt" nie etwas anfangen und war immer etwas verwundert, dass diese Art der Personifikation der Krankheit selbst von Therapeuten verwendet wird. Für mich steht diese Herangehensweise auch dafür, die Verantwortung für das eigene Handeln nicht übernehmen zu wollen. Vor dem Hintergrund, dass aber selbst "Fachleute" dieses Konzept heranziehen, habe ich ein bisschen zu Personifikation von Krankheiten recherchiert. Das Konzept wird ursprünglich nicht bei psychosomatischen, sondern bei somatischen Krankheiten angewendet und gilt als "intrapersonelle Resonanz" der Auseinandersetzung mit einer Krankheit, so sprechen beispielsweise Patienten mit ihren Tumoren o.ä.. Vielleicht mag diese Art der Auseinandersetzung mit der Krankheit manchen helfen, für mich fühlt sich das immer wie eine Selbstverleugnung bzw. wie eine Negierung der eigenen Verantwortung an.

Mir hat das Konzept, die Anorexie als Symptomatik und nicht als das eigentliche Problem zu sehen wesentlich mehr geholfen. Nicht das Essen, das Gewicht o.ä. sind das Problem, sondern es gilt herauszufinden, welche Probleme man dadurch versucht zu bewältigen bzw. zu verdrängen und aus welchem Grund man gerade das Nichtessen gewählt hat und nicht Selbstverletzung, Drogen, Alkohol etc. Das Problem ist aber natürlich dass die "Sucht" jenseits ihrer Gründe und Ursprünge eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Außerdem habe ich manchmal das Gefühl, dass unser Körper und unsere Seele dieses Verhalten als "Notfallstrategie" abgespeichert haben und es deshalb in schwierigen Situationen oft schwer fällt nicht "rückfällig" zu werden.

Aber ich glaube ich komme gerade vom Ursprungsthema ab: Ich halte genauso wenig von der Personifikation der Krankheit wie du und glaube, dass wir die Anorexie nur durch eigenverantwortliches Handeln endgültig hinter uns lassen können.

Liebe Grüße
Traumverloren

Liebe Traumverloren,
danke, dass du auf meinen Beitrag eingegangen ist.

Diese angewendete personifzierte Konzept war mir bisher unbekannt. Danke für die Info. Man lernt nie aus.

Vielleicht gibt es ja noch ein paar, die sich über diese Thematik austauschen wollen.

Ich sehe die Personifikation auch als eine Art Versuch an, sich vor sich selbst zu verstecken und zurückziehen. Seine Taten zu verdrängen. Man will sich nicht schuldig fühlen, also sucht man sich den Schuldigen.
Das erklärt auch, warum während der Magersucht dazu tendiert, andere dafür verantwortlich zu machen.
Das habe ich vor allen Dingen bei meiner ehemaligen Therapeutin bemerkt, die immer versucht hat, die Ursachen bei meinen Eltern zu suchen. Als ob sie sich nicht genug Sorgen machen würden.
Ich denke, die einzige Ursache liegt ganz allein an einem SELBST. Nur man selbst ist für sein Handeln verantwortlich.

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6. November 2014 um 3:10
In Antwort auf olivie_11910935

Liebe Traumverloren,
danke, dass du auf meinen Beitrag eingegangen ist.

Diese angewendete personifzierte Konzept war mir bisher unbekannt. Danke für die Info. Man lernt nie aus.

Vielleicht gibt es ja noch ein paar, die sich über diese Thematik austauschen wollen.

Ich sehe die Personifikation auch als eine Art Versuch an, sich vor sich selbst zu verstecken und zurückziehen. Seine Taten zu verdrängen. Man will sich nicht schuldig fühlen, also sucht man sich den Schuldigen.
Das erklärt auch, warum während der Magersucht dazu tendiert, andere dafür verantwortlich zu machen.
Das habe ich vor allen Dingen bei meiner ehemaligen Therapeutin bemerkt, die immer versucht hat, die Ursachen bei meinen Eltern zu suchen. Als ob sie sich nicht genug Sorgen machen würden.
Ich denke, die einzige Ursache liegt ganz allein an einem SELBST. Nur man selbst ist für sein Handeln verantwortlich.


Liebe Calo,

ich finde auch deine weiterführenden Gedanken sehr interessant und wichtig. Die Tendenz anderen die Schuld zu geben, habe ich auch schon oft beobachtet und vor allem das Bestreben von Therapeuten "Schuldige" zu finden, fand ich immer sehr befremdlich.

Ich war sehr froh, dass meine ambulante Therapeutin, die mich nach einer abgebrochenen stationären Therapie "gerettet" hat, die Schuldfrage auch sehr kontraproduktiv fand. Es ging zwar schon um Auslöser, in der Kindheit erlernte bzw. angeeignete Strukturen und Strategien etc., aber dabei standen immer mein Handeln, Fühlen und Denken und meine Reaktionen im Mittelpunkt. Also nicht, dass es um ein vollkommen egozentrisches Bild der Entstehung der Magersucht ging, sondern dass bei allen ungünstigen Umständen das eigene Handeln und der eigene Umgang mit Gegebenheiten zur Ausprägung der Symptomatik geführt hat und somit auch nur man selbst etwas ändern kann. Oft kann man bestimmte Strukturen nicht vollkommen verändern, aber man kann seinen eigenen Umgang damit verändern.

Ich hoffe ich habe es jetzt nicht zu verworren ausgedrückt: Genau wie Calo bin ich der Meinung, dass man für sein eigenes Handeln verantwortlich ist und die Ursache für die Anorexie (unabhängig von äußeren "auslösenden Faktoren") in einem selbst liegt und in dem eigenen Umgang mit diesen "Faktoren". In diesem Sinne ist "auslösende" Faktoren vielleicht nicht ganz richtig, sondern eher "begünstigende" Faktoren.

Am meisten stört mich immer, wenn das moderne Schönheitsideal oder dünne Models für Anorexie verantwortlich gemacht werden - meiner Meinung nach neben der "die Eltern sind schuld"-Hypothese ein weiterer vorgeschobener "Grund", der die Auseinandersetzung mit den wirklichen Ursachen verhindert. Außerdem fühle ich mich durch die Schönheitsideal / dünne Models-Hypothese oder Eltern-Hypothese sogar immer sehr abgewertet und unverstanden. Ich habe nicht die Nahrung verweigert, um einem oberflächlichen Schönheitsideal gerecht zu werden oder weil ich keinen anderen Weg gesehen habe, mich von meinen Eltern abzunabeln, sondern ich habe diesen destruktiven Weg gewählt, um mit meiner Selbstunsicherheit, Lebensangst und Versagensangst umzugehen - als verzweifelter Versuch durch die Kontrolle des Essens das unkontrollierbare Leben scheinbar im Griff zu haben. Manchmal wäre es wirklich einfacher, jemandem die Schuld zu geben, als sich einzugestehen, wie viel Angst vor dem Leben in der Verweigerung des Essens steckt. Zumindest dann, wenn ich mir aus lauter Angst vor dem Versagen diese "Scheinkontrolle" zurückwünsche.

Es tut mir leid, mein Beitrag ist vielleicht gerade etwas negativ geraten, doch gerade diese in mir selbst liegenden Ursachen beschäftigen mich gerade wieder ganz arg. Denn obwohl ich seit ca. fünf Jahren ein sehr gesundes Essverhalten habe, sind die Gedanken, ist die temporäre Sehnsucht noch da.

Habt ihr euch auch schon mal die Frage gestellt, dass wenn die Ursache für die Anorexie in uns selbst liegt, wir sie nur schaffen vollständig loszulassen, wenn wir schaffen uns selbst zu ändern oder zumindest die auslösenden Faktoren in uns selbst durch andere Mechanismen zu besänftigen. SICH DEN EIGENEN ÄNGSTEN TAG FÜR TAG STELLEN, OHNE SICH VOR IHNEN IN DER ANOREXIE ZU VERSTECKEN... wird das irgendwann leichter? Kommt irgendwann der Tag, an dem diese Ängste in den Hintergrund treten, oder sind sie einfach ein Teil von einem selbst, den man auch nicht "wegtherapieren" kann?


Würde mich sehr freuen, wenn sich noch mehr für die Diskussion über "Personifikation der Krankheit" und die "Schuldproblematik" begeistern lassen. Denn ich finde eine Reflexion auf einer solchen Ebene immer so viel sinnvoller als den tausendsten Essensplan o.ä.

Liebe Grüße
Traumverloren

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11. November 2014 um 19:52

Schade,
dass meine Diskussion so wenig Resonanz findet.
Niemand ist gezwungen, auf einen Beitrag zu antworten, aber mich würde auch mal interessieren, ob es jemanden gibt, der gegen meine Behauptung ist und das ganze völlig anders bewertet.
Ich habe über dieses Thema ein wenig recherchiert, aber diesbezüglich Magersucht leider nichts Aufschlussreiches gefunden.

Und nochmal ein Dankeschön an deinen letzten Beitrag "traumverloren! "

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12. November 2014 um 10:20
In Antwort auf olivie_11910935

Schade,
dass meine Diskussion so wenig Resonanz findet.
Niemand ist gezwungen, auf einen Beitrag zu antworten, aber mich würde auch mal interessieren, ob es jemanden gibt, der gegen meine Behauptung ist und das ganze völlig anders bewertet.
Ich habe über dieses Thema ein wenig recherchiert, aber diesbezüglich Magersucht leider nichts Aufschlussreiches gefunden.

Und nochmal ein Dankeschön an deinen letzten Beitrag "traumverloren! "

Interessante Sichtweise
Liebe Calogen,

ich habe mir die letzten Tage viele Gedanken über deinen Beitrag gemacht. Ich möchte gerne meine eigenen Erfahrungen und Gedanken zu diesem Thema schreiben und darauf hinweisen, dass dieser Beitrag für den einen oder anderen triggernd sein kann. Das letzte was ich möchte, ist jemandem hier schaden, deshalb Vorsicht!
Durch meine Therapie sind mir die Hintergründe für die Magersucht sehr viel klarer geworden. Das Nicht-Essen hat mich praktisch schon mein ganzes Leben begleitet. Mal mehr mal weniger. Es gab eine Zeit da war ich sogar symptomfrei. Für mich hat sich die Magersucht als eine Bewältigungsstrategie herausgestellt die immer dann griff wenn ich unfähig war innerpsychische Konflikte auf eine andere Art und Weise zu lösen.
In mir gibt es viele traumatisierte Anteile. Das ist ja etwas das bei einem Trauma passiert. Die Seele zersplittert. Es werden Anteile abgespalten, denen das Trauma wiederfahren ist um ein halbwegs gesundes funktionierendes Ich zu erhalten. Ich bin über Jahre physisch und psychisch von meinem Vater und auch von anderen Männern missbraucht worden. Meine Strategie damit klar zu kommen war u.a. nicht zu essen. Da gibt es ein ca 4-5 jährigen Anteil, der Essen verweigert. Einen ca. 9- jährigen Anteil der sich so dafür hasst, dass er seinen kleinen Bruder angefasst hat, dass er sich am liebsten zu Tode hungern möchte, eine 16- jährige die das Abmagern als ihre Chance sieht sich wenigstens die Männer vom Hals zu halten, an die sie ihr Vater weitergereicht hat....
Das sind alles Anteile von mir. Die ich praktisch ausgebildet habe um überleben zu können. Das bin ich. Also ist auch die Magersucht ein Teil von mir, der ganz fest an diese Anteile gebunden ist. Durch die Wiedererinnerung an den Missbrauch, durch die Flashbacks wurden diese Anteile angesteuert. Ich war so damit überfordert, dass ich unbewusst auf eine Strategie zurück gegriffen habe die mir bekannt war und auf irgendeine Art und Weise erfolgversprechend war...das Hungern.
Ich sehe mich aber trotz allem selbst in der Verantwortung. Ich lerne gerade in der Therapie diese Anteile kennen. Lerne zu verstehen warum ich zu diesen Zeitpunkten auf dieses Verhalten zurückgegriffen habe. Lerne es zu würdigen. Es war damals überlebensnotwendig aber heute ist es das nicht mehr. Es gilt also für mich diese Anteile zu integrieren, ihnen das zu geben was sie damals gebraucht hätten. Liebe, Zuwendung und Verständnis. Es muss Heilung stattfinden. AUF allen Ebenen. Auch für mein erwachsenes Ich. Was aber meines Erachtens nur über diese Anteile möglich ist. Mein erwachsenes Ich möchte unbedingt von dieser Krankheit loskommen. Ich kämpfe und bin dran. Es läuft im Moment ganz gut. Natürlich gibt es auch immer mal wieder Phasen in denen ich zurück falle. Das passiert z.B durch Flashbacks. Aber ich lerne mich mit Hilfe meiner Therapeutin aufzufangen.
Es ist ein glaube ich sehr komplexes Thema. Aber man darf die eigene Verantwortung nicht außer Acht lassen. Und Sie nicht von sich weisen. Denn im Endeffekt kann man nur sich selber heilen. Mit Unterstützung von Außen, aber zum Größten Teil durch einen selbst.
Das ist natürlich jetzt nur meine laienhafte Sichtweise. Aber sie passt für mich und vielleicht gibt es ja den einen oder anderen der es ähnlich erlebt.
Im Internet kann man übrigens auch etwas darunter finden wenn man unter " Psychotraumatologie Essstörung" sucht.

Ich wünsche Euch alles Liebe und Gute

Amy

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12. November 2014 um 13:27
In Antwort auf niels_12854110

Interessante Sichtweise
Liebe Calogen,

ich habe mir die letzten Tage viele Gedanken über deinen Beitrag gemacht. Ich möchte gerne meine eigenen Erfahrungen und Gedanken zu diesem Thema schreiben und darauf hinweisen, dass dieser Beitrag für den einen oder anderen triggernd sein kann. Das letzte was ich möchte, ist jemandem hier schaden, deshalb Vorsicht!
Durch meine Therapie sind mir die Hintergründe für die Magersucht sehr viel klarer geworden. Das Nicht-Essen hat mich praktisch schon mein ganzes Leben begleitet. Mal mehr mal weniger. Es gab eine Zeit da war ich sogar symptomfrei. Für mich hat sich die Magersucht als eine Bewältigungsstrategie herausgestellt die immer dann griff wenn ich unfähig war innerpsychische Konflikte auf eine andere Art und Weise zu lösen.
In mir gibt es viele traumatisierte Anteile. Das ist ja etwas das bei einem Trauma passiert. Die Seele zersplittert. Es werden Anteile abgespalten, denen das Trauma wiederfahren ist um ein halbwegs gesundes funktionierendes Ich zu erhalten. Ich bin über Jahre physisch und psychisch von meinem Vater und auch von anderen Männern missbraucht worden. Meine Strategie damit klar zu kommen war u.a. nicht zu essen. Da gibt es ein ca 4-5 jährigen Anteil, der Essen verweigert. Einen ca. 9- jährigen Anteil der sich so dafür hasst, dass er seinen kleinen Bruder angefasst hat, dass er sich am liebsten zu Tode hungern möchte, eine 16- jährige die das Abmagern als ihre Chance sieht sich wenigstens die Männer vom Hals zu halten, an die sie ihr Vater weitergereicht hat....
Das sind alles Anteile von mir. Die ich praktisch ausgebildet habe um überleben zu können. Das bin ich. Also ist auch die Magersucht ein Teil von mir, der ganz fest an diese Anteile gebunden ist. Durch die Wiedererinnerung an den Missbrauch, durch die Flashbacks wurden diese Anteile angesteuert. Ich war so damit überfordert, dass ich unbewusst auf eine Strategie zurück gegriffen habe die mir bekannt war und auf irgendeine Art und Weise erfolgversprechend war...das Hungern.
Ich sehe mich aber trotz allem selbst in der Verantwortung. Ich lerne gerade in der Therapie diese Anteile kennen. Lerne zu verstehen warum ich zu diesen Zeitpunkten auf dieses Verhalten zurückgegriffen habe. Lerne es zu würdigen. Es war damals überlebensnotwendig aber heute ist es das nicht mehr. Es gilt also für mich diese Anteile zu integrieren, ihnen das zu geben was sie damals gebraucht hätten. Liebe, Zuwendung und Verständnis. Es muss Heilung stattfinden. AUF allen Ebenen. Auch für mein erwachsenes Ich. Was aber meines Erachtens nur über diese Anteile möglich ist. Mein erwachsenes Ich möchte unbedingt von dieser Krankheit loskommen. Ich kämpfe und bin dran. Es läuft im Moment ganz gut. Natürlich gibt es auch immer mal wieder Phasen in denen ich zurück falle. Das passiert z.B durch Flashbacks. Aber ich lerne mich mit Hilfe meiner Therapeutin aufzufangen.
Es ist ein glaube ich sehr komplexes Thema. Aber man darf die eigene Verantwortung nicht außer Acht lassen. Und Sie nicht von sich weisen. Denn im Endeffekt kann man nur sich selber heilen. Mit Unterstützung von Außen, aber zum Größten Teil durch einen selbst.
Das ist natürlich jetzt nur meine laienhafte Sichtweise. Aber sie passt für mich und vielleicht gibt es ja den einen oder anderen der es ähnlich erlebt.
Im Internet kann man übrigens auch etwas darunter finden wenn man unter " Psychotraumatologie Essstörung" sucht.

Ich wünsche Euch alles Liebe und Gute

Amy

Liebe Amy,
danke für deine Sichtweise zu diesem Thema.
Ich werde mich mal in dieses Thema einlesen.
LG

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12. November 2014 um 21:23

Hallo ihr Lieben,
ich finde eure Diskussion sehr spannend und finde es auch nicht richtig, die Anorexie oder Bulimie zu personifizieren. Genau wie traumverloren bin ich auch der Ansicht, dass diese als "Bewältigungsstrategie" für irgendetwas stehen, mit dem man nicht umgehen kann. Sei es weil man ein Trauma erlitten hat und kein anderes "Ventil" gefunden werden konnte oder sei es, weil man denkt, den Anforderungen von Außen nicht gewachsen zu sein, sodass man wenigstens das Essen kontrollieren kann oder, oder, oder.
Auch schließe ich mich euch in dem Punkt an, dass man es selbst anpacken wenn man daraus kommen möchte und dafür muss man sich in einem ersten Schritt eingestehen, dass man sein eigenes Handeln ändern muss und zwar ohne wenn und aber und ohne sein Handeln auf die "Stimme" schieben zu wollen, oder darauf, dass man nun Uni hat und man daher nicht richtig essen kann, oder das man doch noch einen Fressanfall haben kann, weil Weihnachten ist...keine Ahnung es gibt tausende dieser Gedanken, die jede Betroffene kennt. Man ist ganz allein für sich verantwortlich.
Ich sehe es auch so wie Traum schreibt, dass die Sucht aber auch eine gewissen Eigendynamik entwickelt, weil man es sich als Notfallplan angewöhnt hat und genau hier, drehen sich meine Gedanken immer im Kreis.
In meinen schlimmsten Zeiten, war der Suchtdruck, wahllos alles in mich rein zu stopfen, so groß, dass mein eigentliches Ich gar nicht durchkam. Es passierte einfach, ich konnte mich nicht wehren. So dachte ich wenigstens. Ich habe es nun schon sehr lange geschafft stark zu bleiben, dem nicht nachzugeben, auch wenn ich jeden Tag erneut kämpfen muss und deswegen merke ich, ich kann mich wehren. Und daher frage ich mich, ob nicht die Sucht gerade das ist, was du, liebe Calo, als personifizierte Instanz siehst. Und mich würde interessieren, was für dich, liebe Traum, der Unterschied ist. Außerdem fände ich es spannend eure Meinung zu der Frage zu hören, ob es eine "Schwelle" gibt, an der man nicht mehr vernünftig handeln kann.

Liebe Grüße,
Sonnenblume

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13. November 2014 um 12:26
In Antwort auf tess_12343610

Hallo ihr Lieben,
ich finde eure Diskussion sehr spannend und finde es auch nicht richtig, die Anorexie oder Bulimie zu personifizieren. Genau wie traumverloren bin ich auch der Ansicht, dass diese als "Bewältigungsstrategie" für irgendetwas stehen, mit dem man nicht umgehen kann. Sei es weil man ein Trauma erlitten hat und kein anderes "Ventil" gefunden werden konnte oder sei es, weil man denkt, den Anforderungen von Außen nicht gewachsen zu sein, sodass man wenigstens das Essen kontrollieren kann oder, oder, oder.
Auch schließe ich mich euch in dem Punkt an, dass man es selbst anpacken wenn man daraus kommen möchte und dafür muss man sich in einem ersten Schritt eingestehen, dass man sein eigenes Handeln ändern muss und zwar ohne wenn und aber und ohne sein Handeln auf die "Stimme" schieben zu wollen, oder darauf, dass man nun Uni hat und man daher nicht richtig essen kann, oder das man doch noch einen Fressanfall haben kann, weil Weihnachten ist...keine Ahnung es gibt tausende dieser Gedanken, die jede Betroffene kennt. Man ist ganz allein für sich verantwortlich.
Ich sehe es auch so wie Traum schreibt, dass die Sucht aber auch eine gewissen Eigendynamik entwickelt, weil man es sich als Notfallplan angewöhnt hat und genau hier, drehen sich meine Gedanken immer im Kreis.
In meinen schlimmsten Zeiten, war der Suchtdruck, wahllos alles in mich rein zu stopfen, so groß, dass mein eigentliches Ich gar nicht durchkam. Es passierte einfach, ich konnte mich nicht wehren. So dachte ich wenigstens. Ich habe es nun schon sehr lange geschafft stark zu bleiben, dem nicht nachzugeben, auch wenn ich jeden Tag erneut kämpfen muss und deswegen merke ich, ich kann mich wehren. Und daher frage ich mich, ob nicht die Sucht gerade das ist, was du, liebe Calo, als personifizierte Instanz siehst. Und mich würde interessieren, was für dich, liebe Traum, der Unterschied ist. Außerdem fände ich es spannend eure Meinung zu der Frage zu hören, ob es eine "Schwelle" gibt, an der man nicht mehr vernünftig handeln kann.

Liebe Grüße,
Sonnenblume

Hallo ihr Lieben,
ich freue mich sehr, dass die Diskussion nun doch fortgesetzt wird - wirklich ein sehr spannendes Thema. Gerade bin ich bei der Recherche zu dieser Thematik auf eine ganz tolle Doktorarbeit von 2013 zum Thema "Über das Erleben von Magersucht. Eine psycho-morphologische Studie zur Anorexia Nervosa" gestoßen (http://hss.ulb.uni-bonn.de/2013/3279/3279.pdf).

Die Autorin Anke Kock unterscheidet vier Typen des Umgangs mit dem Erleben der Essstörung: vollkommene Identifizierung mit der Krankheit, Formalisierung, schicksalsbedingte Ergebenheit und Rationalisierung. Die Personifikation der Essstörung als "treibende Kraft" und das Gefühl das eigene Handeln nicht selbst bestimmen zu können, würden dabei, wenn ich es beim kurzen "Querlesen" richtig verstanden habe, der "schicksalbedingten Ergebenheit" entsprechen

Diese Typen seien jedoch streng genommen Formen des Umgang, die sich im jeweiligen Erleben abwechseln und somit die Dynamik des Seelenlebens bestimmen. Und natürlich handelt es sich um Idealtypen, die in ihrer reinsten Ausprägung nicht existieren. Vielleicht ist dies eine Antwort auf deine Frage, wo eine solche Grenze zu ziehen ist, liebe Sonnenblume.

Ich finde die Arbeit wirklich sehr aufschlussreich, weil der Fokus der Typen auf das individuelle Erleben der Krankheit gesetzt wird. Dieser Fokus macht vielleicht auch die Frage in gewissem Sinne obsolet, ob die Personifikation der Krankheit richtig oder gefährlich sei. Ich fand sehr spannend, dass in dem Kapitel zur "schicksalbedingten Ergebenheit" darauf hingewiesen wird, dass dieser Typus der Wahrnehmung der Krankheit mit einem zunehmenden Leidensdruck in Zusammenhang steht:

"Entgegen der vollkommenen Identifizierung und der Formalisierung beschreibt die schicksalhafte Ergebenheit eine typische Verfassung, in der das dominierende Erleben
von Idealisierungsprozessen kippt und die Zwänge der Krankheit zunehmend als Belastung empfunden werden. Nicht mehr euphorisierende Erfolgs- und Erhabenheitsgefühle stehen im Vordergrund, sondern vielmehr der Leidensdruck, der den fortgeschrittenen
Verlauf der Krankheit kennzeichnet." (S. 103)

Aber ich merke gerade, dass ich vielleicht die Arbeit doch erst richtig lesen sollte, bevor ich gegebenenfalls einzelne Hypothesen in einem falschen Zusammenhang setze. Freue mich schon auf die Lektüre! Vielleicht habe ich ja auch euch, liebe Calo, Sonnenblume und Amy, auf den Geschmack gebracht, tiefer in diese Materie einzusteigen.

Ich würde mich auf jeden Fall sehr über einen weiteren Austausch freuen

Liebe Grüße
Traumverloren

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