Home / Forum / Fit & Gesund / Ich will gesund werden!

Ich will gesund werden!

26. März 2012 um 14:21 Letzte Antwort: 28. März 2012 um 22:08

Meine Lieben,

Einige kennen mich vielleicht noch unter meinem alten Namen Sehnsucht91. Damit ihr euch ein kleines Bild von mir machen könnt, fasse ich kurz zusammen was sich bei mir so getan oder eben nicht getan hat in den letzten Monaten.

Angefangen hat es vor genau einem Jahr. Ich begann von einem Tag auf den anderen zu Hungern. Mein Hunger ging weit über die Grenzen von Körperkult heraus. Das Hungern gab mir die Möglichkeit meine Sehnsüchte und Ängste auf ein unwichtiges, kleines, genau bestimmtes Problem zu zügeln, auf welchem ich Kontrolle ausüben konnte. So eine Art Kompensation. Die Dinge die ich zu kompensieren versuchte waren nebst einer zerstörerischen Ehe bei der ich nicht den Mut zur Flucht aufbrachte, einen Liebesaffäre mit einem Arzt der Klinik in welcher ich arbeitete (Verheiratet, Vater, viele Jahre älter als ich, Kaderposition)

Mit ihm nahm mein Hungern an einem Anmass an, welches ich vielleicht nicht hätte zulassen sollen. Neben dem nichts essen, begann ich Laxantien einzunehmen und extensiv Sport zu treiben. Innerhalb kürzester Zeit nahm ich über 10kg ab und verlor jedes normale Verhältnis zu Körperbewusstsein und Essverhalten. Jedenfalls war die Gesamtsituation emotional doch anstrengender als ich es mir damals einzugestehen bereit war. Anstelle meiner Ängste und Unsicherheiten versuchte ich mich wahrscheinlich einfach auf die Empfindung des Hungers zu konzentrieren.
Es ging vielleicht auch darum zu vergessen, wer ich bin, wo ich bin, und ob ich bin. Der Versuch Identität zu erleben, indem ich meinen Körper kontrollierte. Eine Suche nach dem Gefühl, am Leben zu sein und vor allem vollständig zu sein. Vielleicht wollte ich mir damit auch beweisen keine Bedürfnisse zu haben, oder sie zumindest kontrollieren zu können. Sicherlich aber war es der einzige Weg denn ich in diesem Moment kannte, um mit meinen Ängsten klarzukommen. Vielleicht war das Hungern aber auch meine grosse Idee, mein Bestreben um Unabhängigkeit. Ich weiss es nicht.

Was ich aber mit Sicherheit sagen kann ist, dass die Folgen des Hungerns, mindestens genau so faszinierend waren; - zugegeben aus einem Buch entlehnt - Das reine Adrenalin, das den Körper durchflutet - man ist high, kann nicht schlafen, ist voller frenetischer, schwankender Energie - und die erhöhte Intensität des Erlebens, die mit der Essstörung einhergeht. Zuerst schmeckt und riecht alles intensiver, der Tastsinn ist erheblich sensibler als sonst, man hat deutlich mehr Energie und Antriebskraft, ist übermässig konzentriert und zielstrebig. Ausserdem hat man das sehr intensive Gefühl der Macht. Und obwohl man weiss dass das, was man tut, einem Schaden zufügt, einem vielleicht gar umbringen wird, und man Angst davor hat, hält man an der Vorstellung fest, dass es einem retten könnte und letztendlich alles gut wird.

Und irgendwann kommt dann der Punkt an dem der Körper wie aus eigenem Antrieb isst, um sich selbst zu retten. Und damit begann meiner ein gutes halbes Jahr später. Ich formuliere es ganz bewusst so, als ob ich dabei völlig passiv geblieben wäre. Denn man hat das Gefühl besässen zu sein, keinen eigenen Willen zu besitzen, sondern in beständigem Krieg mit dem eigenen Körper zu leben. Es folgten regelmässige Fressatacken und die Morgen danach taten seine Wirkung. Ich hatte das Gefühl, die schlimmsten Kater der Welt zu haben, und konnte mich bei bestem Willen jeweils nicht mehr an die Abende davor erinnern. Die Amnesie gab mir die Absolution. Also tat ich es immer wieder.

Es ist schwierig eine ESS loszulassen. Es ist meiner Meinung nach deshalb schwierig, weil du glaubst dass sie dich ausmacht. Wenn du sie loszulassen versuchst, merkst du, wie ein Loch einsteht. Ja, es reisst ein Loch in deine Identität. Und eine Leere entsteht. Eine Leere die du nicht zu füllen weisst.
Weil ich im Moment aber so einiges an ,,Füllmaterial habe, möchte ich dennoch versuchen die Essstörung loszulassen und mich nicht länger durch sie zu definieren. Der erste Schritt habe ich vor zwei Wochen gemacht, indem ich auf die Waage gestanden bin. Mein Tiefst Gewicht lag damals bei 50kg, bei einer Körpergrösse von 1.73cm. Mein Höchstgewicht, ein gutes halbes Jahr später, bei 63kg. Jetzt wiege ich 59kg. Was ich möchte ist nicht unbedingt weiter abnehmen, obwohl das natürlich ein positiver Nebeneffekt ist, aber was mir wirklich am Herzen liegt ist, wieder ein gesunden Verhältnis zu meinem Körper und dem Essen zu bekommen. Und dafür brauche ich eure Unterstützung. Denn jeder Tag ist noch immer ein harter Kampf. Gestern zum Beispiel ging alles schief. Ich hatte nachdem ich es wirklich eine lange Zeit (zwei Wochen sind für mich eine lange Zeit) schaffte standhaft und diszipliniert zu bleiben, Gestern wieder eine FA. Normalerweise hätte ich in diesem Moment alles hingeworfen. Hätte der Wut auf mich freien Lauf gelassen aber da ich nicht nur meine Essstörung bekämpfen will, sondern auch ein positiver Umgang mit ihr lernen möchte, sagte ich mir dieses Mal einfach; Was solls!? Du bist so gut dran. Gelegentliches Hinfallen gehört dazu. Schliesslich kannst du nicht erwarten, dass du ein Verhalten das du so in dir verinnerlicht hast, einfach wieder abschalten kannst.
Ich kann nicht behaupten dass ich mich heute besonders gut fühle, aber ich glaub dennoch dass ein liebevoller Umgang mit einem selbst in einem solchen Moment besser ist als sich auch noch zusätzlich zu bestrafen. Es reicht doch wirklich wenn dich die ESS schon verarscht oder!?
Also, falls irgendjemand an einem regelmässigen Austausch interessiert ist, würde ich mich freuen und ansonsten bin ich schon froh wenn ich hier manchmal meine Höchs und Tiefs posten darf

Mit einer herzlichen Umarmung,
GOLDfisch

Mehr lesen

27. März 2012 um 10:38

Ja, wirklich
sehr schön geschrieben ich glaube, es geht den allermeisten so...Man wird ja nicht einfach vom einen auf den anderen Tag ein "neuer Mensch", es erfordert viel Kraft, Willen und Disziplin (natürlich in einer anderen Weise als das Hungern, aber auch beim Gesund werden muss man versuchen, konsequent zu bleiben).

Du solltest nicht versuchen, das auszugleichen:

"Esstagebuch

26.03.2012

Morgen: 1 Kaffee
Mittag: 1 Kaffee
Nachmittag : 1 Kaffee
Abend: 1 Teller Fisch/Reis/Papajasalat"

Diese Versuche enden oft im nächsten FA. Versuche, wie Dori schon geschrieben hat, den Tag einfach als vlt nicht so optimal gelaufen abzuhaken und das Beste daraus zu machen, statt dich wieder in den Teufelskreis aus Hungern und FA zu begeben

Gefällt mir Hilfreiche Antworten !
27. März 2012 um 20:42

Hey....

führe nun seit 2009 "krieg" gegen die es.....
es ist schon fast wie ein krieg gegen sich selbst zu führen.....
gegen dass, über das man sich über jahre hinweg definiert hat.
man weiß dass es eigentlich richtig ist, was man gerade tut und dennoch sitz der kleine dämon auf der schulter und flüstert " geh zurück".... "so fühlst du dich schlecht"
ich halte dass jetzt schon lange aus, es ist manchmal zermürbend und anstrengend, aber doch iwie die sache wert.
ich finde auch toll, wie du es formuliert hast
aber ich denke auch dass wenn man einmal ana oder mia war, dass es einem immer im nacken sitzen wird und man noch stärker sein muss, als damals, als man eben nix essen wollte.
ich wünsche dir alles an kraft und dass du nicht in eine ersatzsucht rutscht, so wie es mir zur zeit zu drohen scheint

greeeetz

Gefällt mir Hilfreiche Antworten !
27. März 2012 um 20:49
In Antwort auf qamar_12238191

Hey....

führe nun seit 2009 "krieg" gegen die es.....
es ist schon fast wie ein krieg gegen sich selbst zu führen.....
gegen dass, über das man sich über jahre hinweg definiert hat.
man weiß dass es eigentlich richtig ist, was man gerade tut und dennoch sitz der kleine dämon auf der schulter und flüstert " geh zurück".... "so fühlst du dich schlecht"
ich halte dass jetzt schon lange aus, es ist manchmal zermürbend und anstrengend, aber doch iwie die sache wert.
ich finde auch toll, wie du es formuliert hast
aber ich denke auch dass wenn man einmal ana oder mia war, dass es einem immer im nacken sitzen wird und man noch stärker sein muss, als damals, als man eben nix essen wollte.
ich wünsche dir alles an kraft und dass du nicht in eine ersatzsucht rutscht, so wie es mir zur zeit zu drohen scheint

greeeetz


highlige: ich finde es super dass du dich von den Stimmen nicht nochmal reinreißen lässt. Dasselbe kann ich von mir leider nicht sagen. Mich reißen sie immer und immer wieder runter. Ich wollt ich wär so stark wie du.
Hast du jetzt NG?

Gefällt mir Hilfreiche Antworten !
28. März 2012 um 0:16

Das
stimmt natürlich. Idealerweise gleicht es sich ganz von allein wieder aus, ich habe nach Feiern oder so, wo es viel fettiges Essen usw. gibt, automatisch am nächsten Tag eher Appetit auf frisches Obst, Yoghurt,... Also ich bin gar nicht so der "Typ", der dann gar nichts essen bzw nur Kaffee trinken sollte, ich kriege davon dann erst recht ein richtig ekliges Gefühl im Magen. Besser ist da Tee oder stilles, kaltes Wasser t Aber jeder ist da sicher auch anders. Es hat sich nur so angehört, als hätte sie sich absichtlich durch den "Tag danach" gequält. Wenn es nicht so war, ist es ja okay

Gefällt mir Hilfreiche Antworten !
28. März 2012 um 15:10

Ihr seid toll!
Ihr Lieben,

Ich danke euch allen ganz fest für eure lieben Worte und der Motivation ein gesundes ESV anzustreben, welche damit einhergeht.

Zu der Frage nach dem ,,Füllmaterial welche ich gewonnen habe, ich habe ja bereits geschrieben dass meine ESS hauptsächlich durch meine Verliebtheit in einen Arzt ihren Lauf genommen hat, weil diese Situation ziemlich aussichtlos erschien und ich mir deshalb irgendwie beweisen wollte dass ich gar keine Bedürfnisse habe. Noch schlimmer wurde es, als er meine Hilferufe überlaut gehört und gesehen hat, und wusste dass er die Möglichkeit besass mir zu helfen, wenn er die therapeutische Ebene verlassen würde, was er dann auch tat. Eine Liebesaffäre begann und obwohl die äusseren Umständen allesamt dagegen sprachen, für das was wir taten waren wir beide der Ansicht, dass wir dieses Verbindung unmöglich an uns vorbei gehen lassen können weil es sich einfach so wahrhaftig anfühlte. Durch den moralischen Konflikt der sich in mir anbahnte zu diesem Zeitpunkt, wir waren noch beide verheiratet, versuchte ich mit meinem Essverhalten immer mehr, meine Schuldgefühle zu kompensieren.

Ohne dass ich es auch nur in Erwägung gezogen hätte - für mich war unser Kontakt so etwas wie eine therapeutische Beziehung, also nicht auf der gleichen Ebene, sondern in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis, wie das immer bei therapeutischen Beziehungen der Fall ist. Und selbst wenn es von mir so etwas wie Verlangen nach Nähe gab, so liess ich keinen Gedanken zu, dass es in seiner Position aufgenommen und erwidert werden könnte - trennte er sich dann aber von einem Tag auf den anderen von seiner Frau und machte die Beziehung mit mir auch in der Klinik offiziell.

Und ja, seither leben und arbeiten wir zusammen und er schafft es jeden Tag ein Stückchen mehr, mich ins Leben zurückzuführen, zeigt mir dass es sich absolut lohnt, dieses Leben und dass es wichtig ist mich darin zu wissen. Er gibt mir einen Rahmen, in dem meine guten wie auch schwierigen Momente fürsorglich aufgehoben sind und ich mich entdecken darf.

Bezüglich meiner ESS lässt er mich grundsätzlich einfach mal machen. Sprich, sieht schon zu, dass es nicht ausser Kontrolle gerät, aber sieht auch mal ein paar Tage zu, wie ich kaum etwas esse oder sogar mal erbreche oder Abführmittel schlucke. Einfach weil er das Vertrauen hat, dass ich auf dem richtigen Weg bin und ein, wie habt ihr es so schön gesagt, ,, gelegentliches stolpern, dazu gehört. Auch macht er mir immer wieder klar dass ich damals gar andere Strategie kannte um mit meinem Schmerz umzugehen und dass ich ihr auch einiges zu verdanken habe, sprich ich wüsste nicht was gewesen wäre hätte mich die ESS nicht irgendwie auch am Leben gehalten.

Es hilft mir sehr dass er mir nicht das Gefühl vermittelt mich kontrollieren zu wollen sondern ich die Entscheidungen für mein Handeln alleine treffe. Auch wenn ich mich mal selber verletze weil ich dem inneren Druck nicht mehr standhalten kann, dann fragt er nicht warum ich es getan habe sondern bringt ein Pflaster an, und fragt ob es fest weh tut. Ich bin deshalb ziemlich davon überzeugt, dass ich den fürsorglichen Umgang mit mir selber von ihm gelernt habe. Da gibt es keine Verurteilung, keine Schuld, sondern immer nur ein ,,es tut mir aus tiefstem Herzen Leid, dass du diese Strategien anwenden musst um den Schmerz, die Leere etc. zu bekämpfen.

Ich hoffe, dass auch ihr es schafft, lieb zu euch zu sein, trotz euren FA etc. und verbleibe mit einer herzlichen Umarmung und Kraftwünschen

GOLDfisch

PS: GOLDfisch deshalb, weil damals in der Psychiatrie, jegliche Diagnosen bei mir diagnostiziert wurden, und mein Freund dann nur so meinte; Dieses Mädchen hat keine Borderline, keine Depression etc. Sie ist einfach nur ein GOLDfisch welcher sich durch unerklärliche Gründe ins Salzwasser verirrt hat

PPS: Ich hatte seit meinem letzten FA keinen Rückfall mehr und jeden Tag brav gegessen Und ja eigentlich bin ich wirklich okay mit meinem jetzigen Gewicht, es ist wohl einfach so, dass wenn man weiss wie man ausgesehen hat mit weniger, irgendwie doch Sehnsucht hat. Aber ich bleibe dabei, ich werde gesund!

Gefällt mir Hilfreiche Antworten !
28. März 2012 um 22:08
In Antwort auf qamar_12238191

Hey....

führe nun seit 2009 "krieg" gegen die es.....
es ist schon fast wie ein krieg gegen sich selbst zu führen.....
gegen dass, über das man sich über jahre hinweg definiert hat.
man weiß dass es eigentlich richtig ist, was man gerade tut und dennoch sitz der kleine dämon auf der schulter und flüstert " geh zurück".... "so fühlst du dich schlecht"
ich halte dass jetzt schon lange aus, es ist manchmal zermürbend und anstrengend, aber doch iwie die sache wert.
ich finde auch toll, wie du es formuliert hast
aber ich denke auch dass wenn man einmal ana oder mia war, dass es einem immer im nacken sitzen wird und man noch stärker sein muss, als damals, als man eben nix essen wollte.
ich wünsche dir alles an kraft und dass du nicht in eine ersatzsucht rutscht, so wie es mir zur zeit zu drohen scheint

greeeetz

Ja highlige,
dieses Gefühl kenne ich nur all zu gut. Gerade heute Abend erst kam ich wieder an meine Grenzen, als ich bei der Arbeit eine anorektische Frau aufnehmen musste. Vor allem war ich aber schockiert darüber, dass ich trotz ihrer tragischen Lebensgeschichte / Zustandes, bei ihrem Anblick so etwas wie ,,da will ich auch hin'' empfand. Ein sehr kurz andauernden Gedanke, zweifellos, aber dennoch. Aber ich glaube wir müssen und dürfen auch gar nicht die Erwartung haben ,,das Monster'' ganz auslöschen zu wollen sondern müssen erst mal einen Gesunden Umgang mit ihm lernen. Wir haben die ESS damals so sehr zu unserer besten Freundin gemacht dass wir nicht von ihr erwarten können, dass sie einfach weg geht. Denn genau an diesem Punkt beginnt sie erst Recht sich zu wehren und hervorzutretten, schliesslich kämpft sie, im Moment wo wir sie auszulöschen versuchen, gerade um ihr Leben! Ich persönlich habe grosse Achtung vor meiner ESS, und weil ich ihr auch einiges verdanke (Ich weiss nicht wo ich geblieben wäre, hätte sie mich nicht ein Stückchen am Leben erhalten damals), bin ich auch bereit dazu, ihr weiterhin einen Platz in meinem Leben zu geben. Nähmlich diesesn, dass sie mich zwischendurch erinnern darf, dass es sie gibt, ich sie heute aber nicht mehr benötige um mein Leben zu meistern. Ich kontrolliere die ESS und nicht mehr die ESS kontrolliert mich. Ich glaube darin liegt der Unterschied.

lg

Gefällt mir Hilfreiche Antworten !
Teste die neusten Trends!
experts-club

Das könnte dir auch gefallen