Forum / Fit & Gesund / Essstörungen - Anorexie, Magersucht, Bulimie…

Ich stelle mich vor...

10. Juli 2014 um 18:42 Letzte Antwort: 10. Juli 2014 um 18:44

Hallo ihr Lieben!
Nach jahrelangem stillen Mitlesen und nur ganz seltenen kleinen Kommentaren halte ich es für den richtigen Zeitpunkt, mich mal bei euch vorzustellen. Weil dieses Forum voller kämpfender und motivierter Mitbetroffenen ist und mir deshalb schon während meiner gesamten Krankheit so viel gibt!
Ich bin mir gerade noch unsicher, wie sehr ich ins Detail gehen will, deshalb fass ich mich fürs Erste mal kurz und versuche, mich auf grobe Informationen zu beschränken.
Im September werde ich 20 Jahre alt und ich habe seit etwa 5 Jahren Magersucht. Bis zu meinem 15. Lebensjahr war ich immer ein mindestens molliges Kind, in der frühen Pubertät sogar adipös. Darunter habe ich immer gelitten und ich würde mir rückblickend in den Jahren vor der Magersucht auch die Diagnose Binge-Eating stellen.
Dank der unfassbar innigen Beziehung zu meiner Mutter, die immer ein Auge auf mich hatte und an meiner Seite war und die ich noch nie - auch nicht im Rahmen der Essstörung - angelogen habe, kam ich "früh" in eine Klinik.
Seit 2010 war ich bereits fünfmal in stationärer Behandlung. Immer in Schön Kliniken, immer mit einer schicken Zunahme ins untere UG, und immer wieder mit erneutem "Rückfall". Jeden Sommer das gleiche. Ich war auch ein halbes Jahr in einer betreuten WG für Esssgestörte und dort recht stabil. Seit ich dort ausgezogen bin, lebe ich (recht anonym und allein) in einem Einzelzimmer eines Mädchenwohnheims mitten in der Innenstadt von München und bin (zum vierten Mal in meinem Leben!) gerade in der 11. Klasse und will endlich nächstes Jahr Abitur machen.
Es kam wie es kommen musste. Das Schuljahr neigt sich dem Ende und ich befinde mich leider leider zur Zeit wieder auf einem körperlichen Tiefpunkt. "Aber diesmal ist alles anders! Diesmal will ich wirklich!" Mein Problem ist, dass ich bisher in Kliniken immer nur verhaltenstherapeutisch gearbeitet habe. Heißt: Problemverhalten sein lassen. Punkt. Durch die Entlastung vom "echten Leben" und die Struktur in der Klinik, den äußeren Druck und viele weitere günstige Bedingungen fällt mir das Essen in der Klinik immer relativ leicht! Ich war nie eine, die die Genussfähigkeit verloren hat. Im Gegenteil, ich liebe Essen und bin "froh", wenn ich es "darf".
Nur offensichtlich bin ich nicht in der Lage, es mir selbst zu "erlauben", wenn mich niemand dazu zwingt, ermuntert oder es erwartet. Dabei sollte es doch das Selbstverständlichste auf der Welt sein! Aber ich kenne die Krankheit inzwischen zu gut, um zu wissen, dass es nicht so ist.
Ich habe mich immer als "atypisch" verstanden, weil ich außer restriktivem und sehr zwanghaftem Essverhalten nie andere Maßnahmen ergriffen habe. Ich habe kein einziges Mal erbrochen, nie viel Sport gemacht, nichts. Aber ich bin immer "besessen" davon, mein Essen einem Minimum anzupassen, das mir Sicherheit gibt. Und fahre gleichzeitig auch alles weitere im Leben herunter, das mir Angst macht.

SO. Und diesmal reicht's! Meine ehemalige Klinik nimmt mich nicht mehr, da ich schon so viel Therapieerfahrung habe und deshalb Wiederaufnahmebedingung für mich ein BMI von 19 ist. Als kleiner Beweis dafür, dass ich kann und will.
Ich weiß, dass ich könnte, wenn ich wollte. Aber ICH KANN NICHT WOLLEN.

Und WARUM ich seit Jahren an dieser Sch**** festhalte, warum es sich immernoch wie das "geringere Übel" anfühlt, das will ich rausfinden. Und deshalb geh ich jetzt einen neuen Weg.
Ich werde nächste Woche in einem KH aufgenommen und anschließend in eine Klinik gehen, die psychodynamisch (also tiefenpsychologisch) arbeitet. Ich glaube inzwischen, dass ich das WARUM kennen muss. Das WIE ist nicht mehr das Thema. Ich könnte Seminare zur Essstörungsbewältigung im Schlaf halten. Theorie perfekt, in der Praxis versagt.
Aber diesmal mach ich mir's so ungemütlich wie möglich! Ich war zuvor immer die einzige, die "gerne" in der Klinik war. Alle wollten immer so schnell wie möglich wieder raus, ich aber habe es regelrecht genossen. Dies und gefühlte 6493572 gute Ansätze und Baustellen will ich thematisieren. Und vor allem: Dort ist angeblich wenig Fokus auf dem Essen. Buffetsystem, bei dem man sich selbst portioniert und frei für die Menge entscheidet, vorausgesetzt das Gewicht passt. Zuerst dachte ich: Waaas? Und wer gibt mir dann die Erlaubnis? Wer zwingt mich dazu und legitimiert es dadurch für mich? Ich kriege keinen Kuchen am Nachmittag sondern nur Fortimel? Aber... aber...
Und dann dachte ich: Ja, genau das ist es. Entweder ich will jetzt für MICH und fange gleich an mir aus eigener Überzeugung SELBST auszuwählen, was mir gut tut, oder es ist wieder alles für die Katz'.
Nicht auf andere schauen, nicht tricksen, und vor allem sich nicht selbst belügen. Ja, das liegt Putenbrust, aber ich liebe Käse.
Dann fällt vielleicht auch der Übergang nach Hause leichter, weil ich nicht "abhängig" von dem Klinikangebot bin.

Und nochwas.
Ich habe seit 4einhalb Jahren keine Periode mehr. Ich habe das immer begrüßt. Außerdem habe ich auch sonst gesundheitlich nie wirklich "gelitten". Der Leidensdruck verpuffte quasi und der Wille und die Motivation entgleiten mir immer und immer wieder, von einer Sekunde auf die andere, wie Rauch.
Und dann war ich letzte Woche beim Orthopäden und habe meine Knochendichte messen lassen. Zwar dachte ich immernoch "Naja, ernsthafte Komplikationen, das kriegt man ja viel später und auch nur die, denen es RICHTIG schlecht geht. Ich war ja nie weit unten."
Meine Werte waren die einer 80jährigen. Ich habe jetzt bereits Osteoporose, teils nur Osteopenie. Jederzeit können Wirbel brechen.
Tja, und ich dachte, ich wäre "hart im Nehmen".
Ich hatte schon zweimal einen Pericarderguss (Wassereinlagerung am Herzbeutel) und immer mal wieder treten andere organische komische kleine kurze Ungereimtheiten auf.
Ich hab Angst! Zum ersten Mal seit meiner Erkrankung habe ich Angst um mich.
Und langsam glaube ich, dass das der Anfang sein könnte.

Ab jetzt wird gekämpft! Für mich und einen gesunden Körper! Und ich will nicht sagen "ach was, BMI 18 reicht doch". Unteres NG ist (bei mir) ein Schmarrn. Ich muss SO WEIT ZUNEHMEN, dass meine Hormone wiederkommen, und das wird vermutlich jenseits der 60kg sein.
Na und? Ich will jetzt WIRKLICH einen gesunden Körper. Endlich.


So viel zu "ich fasse mich erstmal kurz".

Danke und Hallo an alle!

Mehr lesen

10. Juli 2014 um 18:44

Gleich ein richtig bedeutender Tippfehler...
Es muss natürlich heißen: eine Zunahme ins untere NG!

Ansonsten entschuldigt den langen Text, anscheinend bin ich zwischendurch ins "therapeutische Schreiben" gerutscht.

Gefällt mir

Diskussionen dieses Nutzers