Home / Forum / Fit & Gesund / HUNGER IM SCHLARAFFENLAND

HUNGER IM SCHLARAFFENLAND

25. Mai 2008 um 20:46

da die meisten von euch sich wahrscheinlich nicht mehr erinnern, hier noch mal alles von vorne. bin leider nicht viel weitergekommen mit schreiben. irgendwann wird ein buch draus

Ich betrachte mein Gesicht in dem mit Zahncreme und Bodylotion verschmierten Spiegel. Fahl und greisig blickt es mir entgegen, bis ich es nicht mehr ertrage und der Spiegel auf dem Boden zerspringt. Im Zwiespalt zwischen Lachen und Weinen setze ich eine der Scherben an der Oberseite des Handgelenks an, bin jedoch zu feige meine Haut aufzuschlitzen, und anstatt eines langsam in roter Farbe versinkenden Schnittes zieht sich auf meinem Unterarm bis zum Ellenbogen eine feine weiße Linie.

Erlaube mir mich vorzustellen. Mein Name ist Bulimie. Mein vollständiger Name ist Bulimia Nervosa, aber du kannst mich Mia nennen. Ich hoffe, wir werden gute Freunde.
Drei Jahre zuvor war es absurd, krank, durch. In unserer Schülerzeitung prangte der Text unter der Überschrift Essstörungen. Ich las ihn, legte ihn kopfschüttelnd beiseite und hielt die Verfasserin für gestört.
Ich war 13 Jahre alt. Ich war hübsch, ich war naiv, um nicht zu sagen dumm. Ich war ein gefundenes Opfer für den sexuellen Spaß zahlreicher junger Männer. Schon bald war ich eine Schlampe, Freunde entpuppten sich zu Feinden, und ich wurde erst von meinem blauäugigen, pubertären Weg gerissen, als ich im alkoholischen Rausch auf der Matratze eines zehn Jahre älteren Bundeswehrabsolventen meiner Jungfräulichkeit entledigt wurde. Anstatt der Geborgenheit, nach der ich krampfhaft suchte, stieß ich nur auf grobe Geilheit, die ich wie in Trance über mich ergehen ließ, das öffnen meiner Hose, meines BHs. Wie er die Angst übersah, als er mir tief in die feuchten Augen blickte, während er in mich eindrang. Übersah, wie ich unbewusst innerlich zersprang. Ich will das nicht. Bitte lass mich gehen. Bitte.
Die, die davon wussten, scheinbare Freundinnen, sahen mir den Schmerz nicht an, sahen nur die Fassade eines seine Situation belächelndes Mädchens, süß, brünett, groß, schlank. Reue und Tränen schluckte ich tapfer herunter, merkte nicht wie mich diese Emotionen innerlich auffraßen, und in jenem Moment schien Mia wie ein Licht am Ende des Tunnels, wie eine Freundin, die mich verstehen und mir helfen sollte, den Hass, den ich gegen meinen frühreifen Körper hegte, auszuspielen.

Ich will mich auflösen. Ich träume davon, mich aufzulösen. Ins Nichts überzugehen.

Essen ist fertig. Wir wollen heute mal wieder alle gemeinsam essen. Wir. Alle. Wollen. Zahlen wirbeln mir durch den Kopf. Kalorien, Kilogramm, Bodymaßindex. Kritisch die vielen Töpfe voll Fett und Kohlenhydraten betrachtend setze ich mich zögernd an den Tisch.
Erst als es mir schwer fällt, aufrecht zu gehen, komme ich zur Besinnung. Mir den schmerzenden Bauch haltend, betrachte ich meinen athletischen, sonnengebräunten Körper, rote Wangen, dunkle Augenringe, die weit Richtung Schläfe in tiefem Schwarz klaffen, glasige Augen. Ein verschwommenes Bild. Würgen. Dann Spülen. Doch meine Gedanken sind noch da.
Perplex setze ich mich auf den Rand der Badewanne, mein Blick fällt erst in Leere, verschwimmt dann in Tränen. Das Ende der Zahnbürste hat meinen Rachen blutig gestochen, die ausgestoßene Magensäure verursacht brennenden Schmerz in kleinen Wunden und ich glaube zu spüren, wie meine Speiseröhre wegätzt. Zittrige Hände streichen mir die Haare aus den Augen und entblößen mein Gesicht, in ausdrucksloses Dunkel getaucht, trotz dem grellen Neonlicht der den Spiegel zierenden Lampen, das mich jetzt blendet. Zu helle Lampen. Mein Magen ist noch zu voll. Mein Bewusstsein zu klar. Ich beuge mich ein weiteres Mal über die Kloschüssel, erbreche Wasser und darin schwimmende Stücke, kleine, schwimmende Menschen, die langsam untergehen. Ich glaube sie schreien gehört zu haben.

Pass auf dich auf. Lass das, du bist mir so wichtig hör auf damit, bitte. Ich höre Stimmen von allen Seiten, Stimmen der Persoonen, die sich das früher hätten überlegen sollen, bevor sie meine Probleme statt fürsorglich die freundschaftliche Rolle in die Tat umzusetzen mit einem Kopfnicken hingenommen und sich kühl abgewandt haben. Das wird schon wieder. Jetzt ist es zu spät, ihr seid nur neidisch, neidisch auf meine Disziplin, meinen Willen und meine Stärke. N-e-i-d-i-s-c-h.

Ich will farblos, geruchlos, körperlos sein, träume von dem Ort, von dem ich gekommen bin.

Es ist Ende Mai. Für jede heranwachsende Großstadt die Zeit, Feste zu feiern, große pompöse Feste, von denen niemand zu wissen scheint, wozu jedes Jahr Stände, Bühnen, Achterbahnen und Bierzelte aufgebaut werden, jedes Jahr Unmengen von Krankenhausplätzen belegt werden, weil sich ein Viertel der Jugendlichen mit Bier, Wodka und Haschisch bis zum Kreislaufversagen feiert, in der Hoffnung ihren inneren Frust in Alkohol zu ertränken. Und ich sitze auch dieses Jahr auf einer großen Wiese inmitten von frustrierten Teenagern, meine abgeschnittene, verwaschene Jeans durchnässt von dem vom Himmel vollgeheulten Gras, und vermische den Tabak einer Marlboro Zigarette mit Marihuana. Kurz darauf atme ich genüsslich den Rauch ein, der mein verhasstes Ich meinen Körper für einen kurzen Moment wie einen Kadaver hinter sich herschleifen lässt, mir wird schwindlig. Ich stehe auf, wanke durch Menschenmassen, vorbei an Lichtern, Farben, Gerüchen, meinen Liebsten an der Hand hinter mir her schleifend. Ich bin so breit, siehst du die Lichter? Helle Scheinwerfer streifen mein Gesicht, laute Musik dröhnt in meine Ohren Ich vergesse entgültig die Welt, als er mich an seinen feuchten, muskulösen Körper zieht, sich die Wärme unserer Atem kreuzen, die Nässe seiner Lippen die meinen benetzen, die Zeit scheint spurlos an uns vorbeizuziehen. Ich schlage die Augen auf, die Menschen sind wie Ratten in ihre Löcher unter Bedachungen der Bierstände gewichen, auf die schwere Regentropfen prasseln, Unmengen von Wasser.
Die Zeit galoppiert auf Mitternacht zu und zwingt mich auf Anweisung meiner Eltern nach Hause. Vom stehen taube, kribbelnde Füße treten auf rudernde Pedale, kühler Wind auf meiner nassen Haut bringt mich zum frieren. Ich lasse die Arme hängen, freihändig schließe ich die Augen und meine Nasenflügel blähen sich auf, als ich die kalte, feuchte Nachtluft durch die Nase einatme.

Ich will weg von hier, von allem hier, will meinen Körper verlassen, ins Nichts gehen. Nein, ich will nicht nichts mehr sein, ich will das Nichts sein. Ich will weg von der Welt, von der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft.

Es kommt der Tag, an dem man triste Sinnlosigkeit feststellt, der Tag, an dem man feststellt, dass die rote Digitalanzeige der Waage sich kaum verändert hat und der Spiegel anstatt des ewig ausgemalten Bildes eines schlanken, braungebrannten Mädchens mit Beinen wie die eines jungen Rehs die blasse, unreine Haut eines Kranken zeigt. Der Tag, an dem man sich sagt: Heute höre ich auf. Ich will nie wieder kotzen.
Das milde, feuchte Wetter wird vom kommenden mitteleuropäischen Sommer durch ein Zusammenspiel von einer den makellos azurblauen Himmel befleckenden, blendenden Sonne, tötender Hitze, heftigen, warmen Regenduschen und angsteinflößenden Lichtblitzen ersetzt.
Vanillefarbene Sonnenstrahlen kriechen durch die Ritzen der Rollläden, liebkosen meine Wangen, meine Stirn und als sie meine Augenlider beginnen zu küssen, wache ich auf. Meine Finger tasten neben dem Bett nach einer Flasche, ich spüre, wie das kühle Wasser durch meinen Rachen bis in den Magen gelangt, trinke weiter, bis mir der Appetit vergeht.
Es ist der 5. Juli. Abreise. Heute beginnt mein neues Leben. In etwa fünf Stunden fliege ich ans andere Ende der Welt und werde dort fünf Monate, zwanzig Wochen, hundertdreiundfünfzig Tage pure Freiheit und Selbstständigkeit erleben. Während ich noch darüber nachdenke packen meine Hände Jeans Größe 27 und Shirts Größe 36 ein, mein Körper setzt sich in ein Auto und während ich vom Rücksitz aus meinen Kopf recke, an die Fensterscheibe lehne und meine Heimat spurlos und grau an mir vorbeiziehen sehe, erst die Großstadt, dann Wiesen, Bäume, vereinzelte Häuser und Vögel, gehen Fragen, gutes Zureden und unsichere Sprüche durch mich hindurch. Das Grau des Betons der Autobahn ist von weißen Streifen und den dunklen Flecken von den Resten überfahrener Tiere bemalt.
Bist du nervös?
Nein.
Ich beiße auf meine Fingernägel und stieg aus dem Auto, versuche dabei trotz verwaschener Jeans und Männershirt einigermaßen elegant auszusehen.
Der Flug ist schrecklich und die Stunden schienen mit schlechten Filmen, abgedroschener Musik, gestellt freundlichen Smalltalks und unruhigem Schlaf nur schleppend vorüberzugehen.
Schon nach der Hälfte des Fluges kotzt mich James Blunt mehr an als je zuvor. Das Nichtrauchersymbol blinkt mir rot entgegen, das Verlangen nach einer Zigarette ist enorm, mein Schädel dröhnt, hinter mir schreit ein Säugling. Jegliche Haltung ist aus meinem Körper gewichen, wie eine zwölfjährige mache ich rosafarbene Kaugummiblasen und beobachte die Stewardess.

Mehr lesen

25. Mai 2008 um 20:56

UPS
gleich zwei mal gepostet

Gefällt mir Hiflreiche Antwort !

Frühere Diskussionen
Diskussionen dieses Nutzers
Teste die neusten Trends!
experts-club