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Essstörung anerzogen?

Letzte Nachricht: 21. Dezember 2013 um 22:58
F
fran_12132438
21.12.13 um 13:31

Hallo ihr Lieben...
Ich bin heute Nacht durch einen Beitrag sehr ins Nachdenken gekommen...
Eine Forumianerin hat geschrieben, dass es normal und gut sei, zwei Getreideportionen (also zwei Scheiben Brot oder zwei Brötchen) zum Frühstück zu essen, weil unser Körper das brauche...
Nun... bei mir daheim war eine solche Meinung leider nicht vorhanden.
Meine Mutter isst, seit ich denken kann, niemals mehr als eine halbe oder eine hauchdünne ganze Scheibe Brot zum Frühstück (etwa 4mm "dick") oder ein halbes Brötchen, hauchdünn mit Butter bestrichen, und niemals mehr als einer Scheibe Belag, also Käse oder Wurst. Wenn sie überhaupt frühstückt. Was eher unregelmäßig der Fall ist.
Beim Einkaufen wird diejenige Fleischereifachverkäuferin bevorzugt, die die hauchdünnsten Aufschnitt-Scheiben zu schneiden vermag, die Käsescheiben sind auch nur dann akzeptabel, wenn sie durchsichtig sind. Normal dicke Scheiben "schmecken nicht".
Zum Mittag ist eine "normale" Frauen-Portion z.B. drei halbe Kartoffeln, zwei Esslöffel Gemüse und ein hauchdünnes Schnitzel von 12cm Durchmesser.
Das Abendbrot äußert sich ebenfalls in einer durchsichtigen Scheibe Brot, mit einer durchsichtigen Scheibe Käse und einer gehauchten Menge Streichfett.
Als Mitternachtssnack einen Joghurt.
Zwischendurch ein Apfel. Drei Kekse. Oder 100 Gramm Pudding. Oder ein Stückchen Kuchen.
Manchmal wird auch eine ganze Packung Kekse verspeist aber es wird dann auch als Sünde deklariert. Sowas sei wirklich SEHR unvernünftig. Und dann wird das Abendessen ausgelassen. Weil, von 200 Gramm Butterkeks, da sei man ja bis zum nächsten Tag voll.
Als ich, in einer guten Essensphase, meiner Mutter berichtete, dass ich mir zwei Brötchen zum zweiten Frühstück auf der Arbeit geholt habe, kommentierte sie dies in etwa mit: "Wie kann man nur SO VIEL essen? Ich könnte niemals so viel essen".
Da war die Freude darüber, dass mal eine ordentliche Menge von Kalorien den Weg in meinen Magen gefunden hatte schon wieder weg.
Meine Mutter passt aktuell immer noch in Kleidergröße 34 und Größen jenseits der 38 sind absolut unvorstellbar.
Wenn ich das mal überschlage, dann isst meine Mutter im Schnitt 1300 Kalorien am Tag. Die empfohlenen 2000 sieht sie als Grund dafür an, dass in Deutschland so viele dicke Leute unterwegs sind (sie selbst ist Italienerin).
In der Pubertät genoss ich einen äußerst gesunden Appetit, wurde jedoch von meiner Mutter oft ausgebremst, wenn ich 250 Gramm Sahnequark und zwei Milchbrötchen mit Butter und Marmelade essen wollte.
Ich habe sehr gerne gegessen. Und ich wog 58 Kilo auf 164cm. Beim Abtanzball von der Tanzschule sah ich super aus.
Danach fing ich eine Diät an. Ich fand mich plötzlich zu dick.

Als ich mal vor ein paar Wochen andeutete, dass ich mich mit 10 Kilo mehr eventuell auch wohlfühlen könnte (ich wäre dann wieder bei ca. 58/59), wurde diese Idee als absurd abgekanzelt. Mit so einem Gewicht würde ich mich doch niemals wohlfühlen.
Meine Mutter trägt nur Mode von exklusivsten Designern. Und ist der Meinung, dass Versace und Prada nur bis Größe 38 wirklich gut aussähen. Weshalb es sie auch nur bis Größe 40 zu kaufen gäbe. Mir dagegen ist es eigentlich völlig wurscht, was ich trage. Hauptsache bequem.

Und wisst ihr, was ich oft mache?
Ich schaue mir Online-Shops für Übergrößen an, weil ich die kurvigen Models dort so schön finde.
Wenn mein Umfeld, die Gesellschaft, anders wäre, würde ich eine Kleidergröße von 38/40 genießen und meine runden Brüste und Hüften stolz mit mir tragen.
DAS finde ich persönlich nämlich, tief in mir drin, wunderschön!
Ich liebe das Schönheitsideal der 50er Jahre. Jane Mansfield zum Beispiel. Liz Taylor. Marilyn Monroe...
Ach, wäre ich doch damals auf die Welt gekommen...
Meine Knochen kotzen mich an. Frauenzeitschriften mit Models hasse ich, kaufe ich nicht, weil mir die Models mit Mager-Knien und eingefallenen Hungerbäuchen auf die Nerven gehen und ich sie hässlich finde. Werbespots schalte ich weg. Auf der Straße schaue ich bei Frauen in 34er Jeans weg und drehe mich um, wenn ein runder Po in Größe 40 vorbeischlendert Ich selbst passe in Size Zero, habe winzige, nach meinem persönlichen Geschmack absolut unerotische Brüste und hässliche Beckenknochen. Aber zuzunehmen traue ich mich - weshalb auch immer - nicht. Und bin paradoxerweise unglücklich, wenn die Waage nach oben geht.

Und wenn ich zwei Brötchen mit je zwei Scheiben Aufschnitt essen will, dann sitzt da wahrscheinlich irgendwo meine Mutter auf meiner Schulter und flüstert "Wie kann man nur so viel essen? Ich könnte NIEMALS so viel essen"
Und wenn ich mehr als meine Mutter wiege, fühle ich mich unwohl. Hilfe. Was für ein Schwachsinn ist das doch eigentlich...
Ich musste mir das endlich mal von der Seele schreiben.
Denn ich will wirklich normal essen können. Ohne schlechtes Gewissen. Wenigstens ein einziges Mal in meinem Leben auf 2000 Kalorien kommen und diese auch genießen... Und als normal empfinden!
Und ich will endlich hinter das WARUM kommen. Ich weiss, dass es durch schlimme traumatische Erlebnisse verschlimmert wurde. Aber warum hat es angefangen?
Danke für das Durchhaltevermögen, wenn ihr bis zu dieser Zeile gekommen seid.
Ich freue mich über jede Antwort, jeden Kommentar, über nette wie auch harte Worte. Hauptsache, ich komme da endlich raus.

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A
an0N_1213957299z
21.12.13 um 18:48

Und
genau deswegen habe ich mir für meinen Teil vorgenommen,dass ich,wenn mein Körper mir nach der langen Hungerzeit noch Kinder schenkt,für sie wieder ganz gesund werde und ganz normal esse,weil ich nämlich genau soetwas vermeiden will.

Abgesehen davon aber.Jeder Mensch hat ein anderes Hunger und Sättigungsgefühl und jeder Mensch findet etwas anderes schön.Ist schwer zu glauben,aber es ist wahr.Viel zu viele Menschen sind nur einfach zu feige,das der Öffentlichkeit preis zu geben.

Man muss irgendwann zu der Entscheidung kommen,was man SELBER für Ziele im Leben anstreben möchte,oder ob man die eines anderen oder vieler anderer kopieren möchte und evtl. dabei draufgeht.

Ich denke,was für dich wichtig sein könnte,ist,dir mehr eigenen Raum zu verschaffen,dass du nicht immer nur deine Mutter um dich hast,die dich vielleicht unbewusst triggert.(Wie ich es aus deinem Bericht entnehmen konnte!)
Keine Mutter würde ihr Kind absichtlich krank machen,aber vielleicht ist das einfach die persönliche Lebenseinstellung deiner Mutter.
Eine Lebenseinstellung ist okay,solange sie nicht krankhaft wird.
Aber habe du auch den Mut deine eigene Lebenseinstellung,deine eigene Meinung und deine Werte nach außen zu tragen.Nur das macht dich nämlich zu einem unabhängigen,selbstbewussten Menschen,der weniger auf die Meinungen und Werte seines Umfeldes angewiesen ist.

Lg,EisblumexXx

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A
an0N_1216355199z
21.12.13 um 22:58

Liebe Himbeere,
ich weiß nicht, ob mein Beitrag dir etwas bringt, aber ich kann dich so gut verstehen. Meine Mutter isst zwar ausreichend, aber auch sie hat andere Vorstellungen als ich, wie Essgewohnheiten auszusehen haben. Sie isst 3 große Mahlzeiten und ab und an mal ein Stück Sahnetorte am Nachmittag. Sie mag kein Obst und verabscheut (außer Kuchen) alles Süße. Das hat sie mich auch immer spüren lassen. Ich liebe Kekse und Gummibärchen und Schokolade. Als Kind habe ich diese Sachen natürlich auch von ihr bekommen, aber irgendwann hat sie angefangen mich immer anzupampen, wenn ich einen Keks gegessen habe: Wie kann man nur Kekse essen, die sind doch voll eklig! Und jedes Mal, wenn ich die Küche nur betrete (und wenn ich mir eine Möhre holen will): Isst du schon wieder etwas? Bei dir isst wohl ein Bandwurm mit! Meine Figur kommentiert sie auch sehr gerne: Deine Brüste sind größer geworden, hast du zugenommen?

Sie hat bis heute keine Ahnung von meiner Essstörung. Im Sommer hatte ich mein Tiefstgewicht (39kg auf 156m) und wollte eine meiner alten Hosen anziehen. Diese war mir natürlich viel zu groß und von ihr kam: Was ist denn mit der Hose passiert, ist die ausgeleihert? Oder hast du abgenommen? Sieht man aber gar nicht, also das ist wirklich sehr merkwürdig.

Ich habe dann trotzdem auf einen BMI von 18 zugenommen und bin jetzt mit meinem Freund zusammen gezogen. Momentan geht es mir essenstechnisch zwar wieder schlechter, aber ich merke, dass ich sehr viel ruhiger und ausgeglichener bin, seitdem mein Essverhalten (zumindest von meiner Mutter) nicht mehr kommentiert werden kann. Ich merke, dass ich mich an neue Freiheiten erstmal wieder rantasten muss- ich kann jetzt kaufen was ich will, keiner gibt einen blöden Kommentar ab! Ich kaufe immer noch keine Lebensmittel die mir meine Mutter schlecht geredet hat, da ich, wie du es so gut ausgedrückt hast, immer Mama auf der Schulter sitzen habe, aber ich habe mir zum Ziel gesetzt, jede Woche 1 Produkt dieser Art zu kaufen. Diese Woche habe ich mich an Vollfettjoghurt rangetraut und habe ihn tatsächlich gekauft und gegessen. Ich kann wegen meiner psychischen Verfassung momentan noch nicht stolz darauf sein, aber vielleicht kann ich es irgendwann einmal.

Wie Eisblume schon so schön geschrieben hat, wir müssen uns freischaufeln und versuchen unser eigenes Leben mit unseren eigenen Ansichten und Einstellungen aufbauen.

Ich wünsche dir von Herzen alles Gute!

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