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Die Weihnachtslüge

18. Dezember 2008 um 15:15 Letzte Antwort: 21. Dezember 2008 um 19:18

2 Stunden. Das konnte eine lange Zeit sein, wenn man nur so vor seinem Rechner saß und ins Leere starrt.
Ihre Augenlieder waren schwer, ihr Bauch ebenfalls. Wieso hatte sie auch die ganzen Plätzchen essen müssen? Sie verstand sich selbst wieder kein Stück, war hin und hergerissen zwischen der nachwirkenden Wollust des Genusses beim Verzehr der kleinen, süßen und buttrigen Gebäckstücke und dem schlechten Gewissen, das ihr schon jetzt nichts Gutes für den abendlichen Gang auf die Waage prophezeite.
Nicht wiegen, schon gar nicht am Abend sagte der Therapeut immer und immer wieder. Aber die Waage war nicht wegzudenken. Sie war Freund und Feind zugleich, ein Kontrollinstrument, dass Lob und Tadel aussprach. Ihr entging nichts, und nur selten war die Zahl, die sie anzeigte, weit von der weg, die sich nach ihren eigenen Berechnungen zu erwarten hatte. Sie war ein Profi was die Einschätzung ihres Gewichtes anging.
Noch zu Beginn der Woche hatte sie versucht gar nicht zu essen, sich alles zu verwehren, und war jeden Abend kläglich gescheitert, hatte den Kühlschrank geplündert, im Unverstand Essen in sich hineingestopft. Ihre Seele drohte unter dieser Last zu zerbrechen. Der Verzicht war sehr kraftraubend. Aber nichts im Vergleich zu der Scham, der Schuld und dem Gefühl schmutzig zu sein, was sie alles empfand, nachdem sie gegessen hatte. Es schien, als wären ihre Gefühle so filigran und in der Mitte ihres Bauches platziert, dass sie jedes Mal zu ersticken drohten, wenn sie ihrem Körper etwas Nahrung gönnte.
Sie schlug die Beine übereinander und schaute aus dem Fenster. Noch immer waren es 1 Stunde und 50 Minuten bis zum Feierabend. Sie wollte nach Hause. Der Wahrheit ins Gesicht blicken, und sich auf die Waage stellen. Danach würde der Tag nicht gut enden. Das wusste sie schon jetzt. Mit gefülltem Magen schlug ihre Stimmung schlagartig um. Sie war kraftlos, zerrissen, enttäuscht von sich selbst. Sie musste sich ein neues Ziel suchen, ab morgen wieder stark und unnachgiebig sein! Aber war das nicht das, was sie versuchte aufzugeben? Hatte sie sich nicht dazu entschlossen, diesen Weg zu verlassen, um endlich wieder leben zu können?
Sie stand auf, und ging zu dem Spiegel, der an der hinteren Wand ihres Büros aufgehängt war, und blickte sich selbst tief in die Augen. Ihrem Gesicht sah man die Strapazen wenig an. Noch immer, obwohl sie schon weit über zwanzig war, hatte sie ein kindliches Gesicht, mit warmen Augen und einer Stupsnase. Trotz ihrer inzwischen sehr schlanken Figur hatte sie noch immer kleine Bäckchen, die ihrem Gesicht die Härte nahmen, die von ihrem Blick ausging, seit sie den Kampf aufgenommen hatte. Den Kampf gegen ihren eigenen Körper. Sie hasste dieses Gefühl, sie hatte etwas getan, und konnte es nicht rückgängig machen. Normalerweise würde sie jetzt einen neuen Plan schmieden: Ab morgen, da faste ich. Dann werde ich die kommenden Tage täglich zum Sport gehen, und dann werde ich in 3 Tagen locker 2 kg verlieren. Sie sollte aber kein Gewicht verlieren, sondern zunehmen hatte der Arzt gesagt. Sie wollte aber nicht.
Noch gestern war sie zuversichtlich gewesen. Sie musste ja nicht Tonnen von Kuchen und Gebäck essen, oder fettiges Fleisch und Pommes. Es würde vorerst ausreichen, wenn sie viel Obst und Gemüse aß, und es würde auch ihrem Körper gut tun.
Das Problem war nur das: Wenn sie aß, dann fraß sie. Hungern war einfacher als wenig zu essen.
Sie seufzte leise und dachte an das bevorstehende Weihnachtsfest. Ein neues, großes Dilemma blickte ihr entgegen. Wenn sie jetzt zugenommen hatte, und dieses Gewicht nicht bis Weihnachten verlieren würde, würden die Feiertage die Hölle werden. Denn dann würde sie essen müssen. Es blieb kein anderer Ausweg. Sie musste abnehmen, bevor die Pflicht vor der Familie zu essen ihr Gewicht in einen Bereich brachte, der sie depressiv werden lies. Sie würde das ganze Spiel morgen von vorne starten. Und erst gestern hatte sie es sich geschworen, sich dieses Jahr das Weihnachtsfest nicht verderben zu lassen. Wegen lächerlicher ein oder zwei Kilo, die sie eigentlich sowieso vertragen konnte. Aber in ihrem Inneren hatte sie den Kampf schon verloren, denn noch immer war sie im Grunde ihres Herzens der Meinung, nur dünn und hungrig glücklich sein zu können.
Sie warf die restlichen Plätzchen in den Mülleimer und versuchte sich zumindest noch für eine Stunde auf ihre Arbeit zu konzentrieren.
Die nächsten Tage würden hart werden, denn sie musste verzichten, und keiner durfte es merken. Sie musste lachen, obwohl ihr zum weinen war. Sie musste Einsicht zeigen, und den besorgten Menschen um sich herum Besserung vorspielen. Nur so konnte sie die schönste Zeit des Jahres ertragen, auf die sie sich schon so lange gefreut hatte: Mit einer Lüge.

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18. Dezember 2008 um 20:32

Ich...
sehe mich in deiner geschichte.
sehr schön und berührend, könnte nicht besser passen

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20. Dezember 2008 um 0:19
In Antwort auf ivette_12548417

Ich...
sehe mich in deiner geschichte.
sehr schön und berührend, könnte nicht besser passen

-.-
danke für diesen beitrag
ich könnt so heulen...diese person bin ich wie komme ich nur aus dem ganzen scheiß raus? ich möchte weihnachten so gerne genießen-.-

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20. Dezember 2008 um 17:36

...
Wie sie es erwartet hatte: Ein Kilo mehr als gestern. Mit den Weihnachtsfeiern und anderen Zwangsmahlzeiten lag sie nun 2,5 kg über ihrem Tiefstgewicht. Das waren somit genau 2,5 kg zuviel.

Sie stieg von der Waage und zog sich schnell einen dicken Fleece-Pulli über, denn sie fror wie immer schrecklich.
Mit heute waren es noch genau 5 Tage. 5 Tage Zeit, das überflüssige Gewicht zu verlieren, und somit gut gelaunt dem Weihnachtsfest entgegen zu sehen. Sie sah kein Problem darin. Sie hatte schon mehr in weniger Zeit abgenommen. Manchmal fragte sie sich, ob sie vielleicht an manchen Tagen absichtlich über die Stränge schlug, um danach wieder hungern zu können, ohne dabei unter das Gewicht zu kommen, dass ihr als Untergrenze gesetzt worden war: 55 kg. Bei einer Größe von 1,77 m ist das die Grenze, die sie nicht unterschreiten dürfen. Wenn doch, werde ich die ambulante Therapie beenden, und sie in eine Klinik schicken, hatte ihr der Therapeut gedroht. Insgeheim lächelt sie innerlich. Drohe mir doch, ich bin lange nicht so dumm wie ich blond binSie hatte sich informiert, und wusste genau, dass sie als Volljährige nicht so einfach zwangseingewiesen werden konnte. Schließlich waren 55 kg noch lange nicht lebensbedrohlich. Noch lange nicht.

Obwohl dies sicher nicht Sinn der Sache gewesen war, diese 55 kg waren nun ihr Ziel. Dieses Gewicht musste sie erreichen. Nicht unterschreiten. Natürlich nicht. Sie wollte die Therapie weiter machen, brauchte die Stunden mit dem Therapeuten. Auch wenn sie das Gefühl hatte, dass sie nur den Dreck in ihrer Seele aufwirbelten, und ihr das ganze Ausmaß ihrer Probleme vor Augen führten. Aber so musste es wohl sein. Die Essstörung war nur ein Ventil, um von den eigentlichen Problemen des Lebens abzulenken. Und seit sie sich dieser bewusst war, schlugen die Wogen des schwierigen Alltages über ihrem Kopf zusammen und gaben ihr das Gefühl bald zu ersticken.

Sie zog sich an, und verließ das Haus, um zur Arbeit zu gehen. Heute war der letzte Arbeitstag. Ab morgen war sie frei. Sie konnte tun und lassen was sie wollte, für zweieinhalb Wochen. Könnte sie, wäre sie nicht in ihrem eigenen Gefängnis eingesperrt. Die Mauern dieses Gefängnisses waren die dunklen Schatten der Kontrolle, der Schmerz des Hungers, nachdem sie süchtig war und der fortwährende Zwang in Bewegung zu bleiben, zu arbeiten, alles gut zu machen und wann immer es sich zeitlich einrichten ließ Sport zu treiben. Auch die Weihnachtszeit würde ihr keine Ruhe und Erholung bringen. Denn die hatte sie nicht verdient, die gönnte sie sich einfach nicht. Mein Gefängnis so lautete der Text, den sie neulich geschrieben hatte:

Ich bin gefangen in einer kleinen Hütte die aus schweren schwarzen Steinen gebaut wurde. Es gibt kein Fenster, nur eine schwere Stahltür, die verschlossen ist.

Ich sitze darin, in der Dunkelheit und Kälte, und fürchte mich sehr. Aus meinem Gefängnis kann ich nur entkommen, wenn ich den Schlüssel finde, der irgendwo in der Dunkelheit verborgen ist. Schon viele Male habe ich nach ihm gesucht, aber ich finde ihn nicht. Ich werde immer schwächer, und mir ist so kalt, und am liebsten würde ich nur noch schlafen. Träumen, nie mehr aufwachen.

Draußen stehen vor den Mauern Menschen, die mich retten wollen. Manche schlagen mit bloßen Fäusten gegen die Mauern, andere mit Hämmern. Aber der Stein gibt nicht nach. Nur die Schläge hallen in dem kleinen dunklen Raum wie Donnerschläge, und tun in meinen Ohren weh.

Keiner kann mir helfen, solange ich nicht aufstehe und den Schlüssel suche. Ich muss ihn finden.
Heute, und die Tage bis Weihnachten würde sie nicht nach dem Schlüssel suchen. Sie würde sich einfach einbilden, ihr Gefängnis sei gemütlich und warm. Niemand könne sie stören, niemand ihr zu nahe treten. Sie hatte heute kein Essen zur Arbeit mitgenommen. Denn sie würde heute nicht essen. Und auch morgen nicht. Wie ein Kind, daß heimlich etwas verbotenes getan hatte, freute sie sich innerlich über diesen Beschluss, und die Erfolge, die daraus hervorgehen würden. Sie würde ihr Ziel erreichen, und sauber und rein wie ein Weihnachtsengel dem Fest entgegentreten können.

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21. Dezember 2008 um 19:18

??
ich finde das schön aber auch wichtig für viele mädchen die hier sind...vielleicht erkennen sie sich in diesen geschichten wieder...

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