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Alkohol - Die Flucht in die Sucht meiner lieben Mutter

24. Januar 2018 um 17:13

Hallo liebe Mitglieder,

ich bin 22 Jahre alt und dies ist mein erster Beitrag in einem Forum. Doch nach einer weiteren unschönen Erfahrung am gestrigen Abend, versuche ich nun auf diesem Wege Hilfe zu erhalten.
Es geht um meine Mutter - sie ist seit ca. 8 Jahren Alkoholkrank. Alleine das so zu schreiben fällt mir sehr schwer.

Ich fang mal von vorne an:

Meine Mutter hatte früher keinen unnormalen Bezug zu Alkohol. Alles fing 2008 mit dem Umbau des Hauses ihrer Eltern und den Beziehungsproblemen zu einem Mann an:

Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich 4 Jahre alt war. Meine Mutter hat daraufhin einen anderen Mann kennen gelernt. Die beiden hatten jahrelang eine gute Partnerschaft mit vielen Unternehmungen, Spaß und Liebe.
Irgendwann kam der Umbau des Hauses, der Umzug verbunden mit viel Arbeit, wenig Zeit und Stress. Die Beziehung veränderte sich von Jahr zu Jahr - sie stritten viel, meine Mutter weinte oft und litt unter den Wutausbrüchen ihres Partners. Sie begab sich zudem in eine finanzielle Abhängigkeit und er wusste damit umzugehen. Es überging Grenzen, andere Meinungen und Bedürfnisse akzeptierte er nicht, im Haus galten seine Regeln und das emotionale Wohnergehen meiner Mutter lag in seiner Hand - der klassische Choleriker.

Irgendwann war ich in einem gewissen pubertärem Alter und legte mich mit ihm an. Ich stellte mich zwischen ihn und meine Mutter, um sie zu schützen und zu verteidigen. Er wurde wütend, handgreiflich und empfand mich als respektlos und frech - ich hasste diesen Menschen irgendwann mit jeder Zelle meines Körpers. Er nahm meiner Mutter jegliche Kraft und Freude am Leben. Er schaffte es eine große Persönlichkeit klein zu machen, eine starke und unabhängige Frau zu erniedrigen. Doch sie hielt letztendlich immer zu ihm, entschuldigte alles was er tat und irgendwann begann sie täglich nach der Arbeit zu trinken. Ich bemerkte schnell, dass es krankhaft und eine Art Flucht war, doch zu diesem Zeitpunkt nahm es sonst niemand wirklich ernst. Meine Schwester war noch sehr jung und dem Mann war es gar nicht so unrecht, denn wenn sie genug getrunken hatte gab sie meistens Ruhe. Wir stritten häufig, für mich lief alles schief - ich konnte nicht verstehen wie man diese Tatsache einfach so hinnimmt und mit einem Menschen zusammenlebt, der einen von Grund auf unglücklich macht. Nach meinem Schulabschluss und einem FSJ mit Kindern zog ich für ein Praktikumsjahr in die Schweiz.

Meine Schwester und ich haben zu unserer Mutter eine tiefe und liebevolle Verbindung - wir erzählen ihr immer alles und lachen viel zusammen. Diese Frau ist eine wundervolle Mutter und mein persönliches Vorbild. Sie hat einen tollen Charakter, ist großzügig und ließ uns immer frei unsere Entscheidungen treffen. Sie ermöglichte es, uns in jeder Hinsicht zu entfalten und unterstützte wo sie konnte - ich kenne keine stärkere und bewundernswertere Frau und Mutter.

Sie kam mich in der Schweiz besuchen und ich wachte nachts auf weil es nach Rauch stank. Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt seit knapp 15 Jahren stolze Nichtraucherin, doch sie saß auf dem Balkon und rauchte bei einer Flasche Wein. Sie meinte ich solle mir keine Sorgen machen, das wäre nur so eine Phase mit dem Rauchen - genau wie mit dem Trinken. Doch ich machte mir Sorgen, wir stritten uns ... wie immer.

Einige Wochen später rief mich abends meine weinende Schwester an. Unsere Mama hatte einen Herzinfarkt und lag daraufhin einige Wochen im Krankenhaus. Ich fuhr am nächsten Tag nach Hause - diese Nacht war schrecklich. Ich machte mir und allen anderen Menschen dieser Welt Vorwürfe und nahm mir vor: jetzt kämpfe ich. Doch die Sucht war stärker ... Ihr ging es wieder besser und sie nahm vorerst großen Abstand vom Alkohol und den Zigaretten. Dennoch war sie der festen Meinung, dass dieser Infarkt aufgrund der psychischen Belastung kam und nichts mit Alkohol oder Zigaretten zu tun hat. Ich zog wieder nach Hause und begann nach ein paar Wochen jobben eine Berufsausbildung. Die Situation mit ihrem Mann besserte sich nicht - doch ich war hauptsächlich bei Freunden zuhause und versuchte diesem Menschen und der Situation somit aus dem Weg zu gehen.

Eines Tages stand ein Mann vor unserer Tür, der unserer Mutter erzählte, dass ihr Mann sie seit einem halben Jahr mit der Frau dieses Mannes betrog.
Scheinbar hatte sie damit schon gerechnet, denn im ersten Moment hatte sie nur Mitgefühl mit dem Mann dieser Frau und deren Kinder. So ist sie eben … die anschließende Trennung war an sich sehr sachlich und wenig impulsiv. Doch das Loch in das sie fiel, war groß. Er zog aus und für uns begann ein Neuanfang. Leider wurde der Alkoholkonsum erstmal schlimmer, doch das konnte ich irgendwie nachvollziehen. Sie fühlte sich allein gelassen und hatte zudem finanzielle Schwierigkeiten. Zwischendrin gab es immer wieder positive Höhen, Zuversicht und Klarheit – doch zu allem Unglück verlor sie dann noch ihre Stelle, in der sie 25 Jahre tätig war. Dies hatte jedoch nichts mit dem Alkohol zu tun - das Unternehmen wurde verkauft und einige Stellen wurden abgebaut. Da sie nicht direkt einen neuen Arbeitsplatz fand, musste sie vorerst Hartz4 beziehen.

Dann kam der Tag: ich war gerade in der Stadt und bekam einen Anruf von einer engen Freundin meiner Mutter. Sie ist vor einem Restaurant zusammengebrochen, der nächste Herzinfarkt und wieder ins Krankenhaus. All meine Ängste wurden plötzlich Wirklichkeit - ich kann sie einfach nicht verlieren. Meine Schwester und ich verbrachten jede freie Stunde bei ihr. Sie schwor: ich trinke und rauche nie wieder - das verspreche ich euch. Sie hatte selbst große Angst. Wir weinten so viel und versuchten irgendwie Halt zu finden. Wieder ging es ihr irgendwann besser und sie wurde entlassen - doch sie muss nun täglich verschiedenste Tabletten schlucken. Sie ging in eine Kur und fand anschließend auch einen neuen Job. Es ging erstmal bergauf – ich hatte die Hoffnung, dass nun alles vom Tisch wäre. Doch nach einigen Monaten fing sie wieder an zu trinken und zu rauchen - Gründe waren Stress am neuen Arbeitsplatz, alte Muster, keinen Partner, Depressionen, Selbstmitleid - Flucht. Sie geht dann in eine Art Opferrolle und findet Millionen von Gründen wieder und wieder zu trinken. Sie rechtfertigt jede Situation und sagt, sie würde ja nur harmlose Sachen wie Wein und Bier trinken – echte Alkoholiker greifen zu härteren Sachen. Ich ging immer wieder an meine Grenzen um sie wach zu rütteln.

Irgendwann schloss ich die Augen davor und flüchtete ebenfalls. Mir ging es nicht gut - ich hatte chronische Magenschmerzen, war ständig krank, nahm stark ab und war sobald ich zuhause war unglücklich, schwach und traurig. Wir stritten uns regelmäßig – das Verhältnis wendete sich immer mehr ins Negative. Meistens war ich dann bei meinem derzeitigen Freund zuhause, die Familie war das komplette Gegenteil von meiner und sie fingen mich in vielerlei Hinsicht auf. Ich war zwar nicht zuhause, aber ich war von gesunden Menschen umgeben, die respektvoll miteinander umgegangen sind. Ich sammelte viel Kraft bei meinem Pferd und irgendwann ging es mir besser.
Ende 2016 zog ich zuhause aus in meine erste eigene Wohnung - allein. Meine Mutter machte mir zuerst große Vorwürfe, wie ich sie und meine Schwester jetzt auch noch völlig allein lassen kann, sie finanziell so hängen lassen kann und was ich für eine abgehobene Egoistin bin. Dass ich es alleine sowieso nicht packe und dass ich jetzt mal merken würde, wie es ist wenn man auf sich selbst gestellt ist und sich nicht in andere Häuser verkriechen und umsonst mitessen kann.
Kurz gesagt - sie wusste genau wie sie mich treffen und verletzen konnte und dennoch war ich nie lange böse. Das war nicht sie die da sprach – es war die Angst gepaart mit Alkohol.

Ich arbeitete zusätzlich jedes Wochenende, um mir die Wohnung leisten zu können. Die Situation zuhause blieb unverändert - es gab Höhen und Tiefen. Meine Schwester wohnte weiterhin bei meiner Mutter und rief an wenn es ganz schlimm war. Sie ging schon immer anders damit um - machte das Problem nicht zu ihrem eigenen und hatte die Kraft aus dem Raum zu gehen, wenn es wichtig und richtig war. Ich konnte das nie, ich besaß vermutlich zu wenig Selbstbeherrschung um da drüber zu stehen. Obwohl ich weiß, dass es nichts bringt redete ich immer weiter auf sie ein. Versuchte sie zu treffen und wachzurütteln, beleidigte, schrie, weinte, lachte sie aus ... ich tat alles was ich konnte um nur irgendetwas zu verändern. Obwohl mir bewusst war, dass sie es am nächsten Tag vermutlich nicht mehr wusste und es in dem alkoholisierten Moment nichts bringen wird. In diesen Momenten wirft sie mir vor ich würde sie bevormunden, sie nicht als erwachsenen Menschen behandeln, ihr nicht ihren Freiraum lassen, ich enge sie ein, respektiere ihre Entscheidungen nicht, ich hätte eine Kontrollsucht und könnte es nicht ertragen, wenn es ihr gut geht. Ich wäre diejenige die ein Problem hat und nicht sie. Sie erkennt in keiner Situation, dass ich ihr nur helfen möchte, sondern immer nur Vorwürfe und Kritik. Das ist niederschmetternd.

Die Zeit alleine war komisch, wenn ich in meine Wohnung fuhr war ich dennoch nie zuhause. In dieser Zeit konzentrierte ich mich hauptsächlich auf andere Dinge: meinen Beruf, mein Pferd und alles was für mich wichtig war im Leben. Ich wollte Abstand von dieser Zeit bekommen und Abstand zu dieser Mutter-Tochter-Situation.
Seit einigen Wochen wohne ich nun aus verschiedenen Gründen wieder zuhause. Ich habe Abstand bekommen und habe jetzt einen anderen Blick auf die Dinge. Mir persönlich würde es zwar guttun, mich weiter fern zu halten. Doch im Prinzip verdränge ich und schiebe hinaus was mich täglich beschäftigt und wovor ich wegrenne. Ich will mich damit auseinandersetzen und einen Weg finden, ihr zu helfen – einen genauen Plan habe ich zwar nicht aber ich bin zuversichtlich. Ich wünsche mir einfach nur, dass sie glücklich ist und dass sie unter anderem einen tollen Partner findet.

Sie hat sich gefreut als ich zurückgekommen bin und wir haben gleich einiges zusammen angepackt. Zu dritt sind wir ein gutes Team. Wir verbringen mehr Zeit zusammen – schöne Zeiten für die ich sehr dankbar bin.
Gestern Abend hatte sie leider einen großen Rückschlag – ausgelöst durch einen Streit mit ihrer eigenen Mutter. Wir sind extrem aneinandergeraten obwohl ich mich anfangs immer wieder zusammengerissen und selbst beruhigt hab. Sie hat mich mit ein paar Sätzen so tief verletzt … das sitzt dann erstmal … heute ist es wieder besser.

Meine Mutter war noch nie bei einer Therapie oder einem Psychologen. Sie ist Buddhistin und beschäftigt sich viel mit ihrem Geist und reinigt ihre Eindrücke in dieser Gemeinschaft der Buddhisten. Sie trinkt dort nicht und fühlt sich akzeptiert und wertgeschätzt – erst zuhause schlüpft sie immer wieder in diese Alkoholrolle.

Hat jemand von Euch positive Erfahrungen mit verschiedenen Heilmethoden gemacht?
Was würdet ihr empfehlen? Wie erreiche ich sie?

Ich kann nicht auf die nächste Niederlage warten.

Danke für Eure Hilfe – tat schon mal gut das alles niederzuschreiben.
 

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