Forum / Fit & Gesund / Essstörungen - Anorexie, Magersucht, Bulimie…

5 sekunden vor 12!?

15. Juni 2009 um 18:11 Letzte Antwort: 16. Juni 2009 um 23:20

Hallo alle miteinander,

ich finde es wirklich gut, dass es diese plattform gibt. ich hab jetzt seit 3 tagen nicht mehr richtig geschlafen, weil es da ein riesenproblem gibt, das mir den kopf zermatert und wogegen ich eigentlich vollkommen hilflos bin. ich würde mich sehr freuen, wenn mir der ein oder andere einen ratschlag geben könnte.

soviel vorweg, dieser beitrag wird ein bisschen länger, aber ich glaube einfach, dass das notwendig ist, um die ganze komplexität dieser furchtbaren geschichte zu verstehen...

es geht um meine exfreundin, mit der ich fast 4 jahre zusammen war. eine bilderbuchschulliebe, die damit endete, dass ich den militärdienst antreten musste und meine verflossene in eine 500km entfernte stadt gezogen ist. wir haben für die dauer von etwa einem jahr jeglichen kontakt eingestellt, weil wir beide einfach viel zeit für uns selbst brauchten. nun habe ich sie vor etwa einem jahr das erste mal wieder gesehen und sie hat mir erzählt, dass sie magersüchtig sei, sich aber in therapie befände. der körperliche zerfall war ihr nicht sofort anzusehen, da sie ein geschicktes "zwiebel-kleidungs-prinzip" benutzt, um von ihrem aussehen abzulenken. wir sehen uns etwa vierteljährlich und ich dachte mir, dass die ganze angelegenheit nur ein "hilfeschrei", oder etwas ähnliches sei. die tage und monate strichen dahin und jedes mal, wenn wir kaffee getrunken haben, sah sie schlimmer aus.

sie hat eine therapie angefangen (im oktober letzen jahres), sich aber selbstständig und gegen den rat der nach zwei monaten ärzte entlassen und eine ambulante therapie angefangen, wenn es diese therapie denn überhaupt gibt (ich vermute, dass bei der geschichte etwas nicht stimmt...ein arzt mit gesundem menschenverstand würde sofort ihre einweisung veanlassen, denke ich)... sie reiste ständig durch die welt und hat dadurch anscheinend einfach verdrängt, wie schlimm es um sie steht. nun habe ich sie über das wochenende zu mir eingeladen, weil ich in die nähe gezogen bin und sehr besorgt um ihren zustand bin. und da kam dann der dünne hammer. sie ist 1.80m groß und wiegt nur noch 42kg. ihre beine und arme sind absolut dünn und ihre haut ist sehr trocken, sie ist vollkommen entkräftet (kann keine 200m am stück gehen, ohne zu hecheln und sieht insgesamt sehr sehr kaputt aus).

es kam nun wie es kommen musste, ich habe mich mit ihr zusammengesetzt und mich mit ihr darüber unterhalten. erschreckenderweise hat sie vollkommen rational und berechnend darüber gesprochen und mir bis ins kleinste detail ihre verhaltensweisen und deren gründe erläutert. sie weiß also, was mit ihr los ist und wie es um sie steht. dass sie den ernst ihrer lage erkennt glaube ich nicht. auf die frage, in welchem medizinischem stadium sie sich befindet (zwischen anfangsstadium und exodus) antwortete sie, dass es "das letzte stadium" sei, also kurz vor dem exodus. ihre ärztin meinte, es sei ein "wunder" dass sie noch lebe und im endeffekt nur eine frage der zeit, bis sie an herzrhytmusproblemen sterbe. sie kann jeden moment umfallen und ist tot. sie ist absolut gleichgültig gegenüber sich selbst und ihrem leben geworden und meinte, sie fände ihren körper ekelhaft und es wäre vollkommen egal, ob sie lebe oder nicht.

wir kamen auch auf das thema einer stationären therapie zu sprechen und ich sagte ihr, dass es ihre einzige chance sei, aus diesem teufelskreis herauszukommen. es sei auch keine schande, sich hilfe von außerhalb zu besorgen, weil jeder mensch in ein loch fallen könnte, aus dem er sich alleine nicht herausziehen kann. sie schilderte mir daraufhin, dass sie unter gar keinen umständen nocheimal eine therapie anfangen würde. sie vertraut lieber darauf, dass ihre freunde ihr die kraft geben, das ganze alleine zu schaffen. sie sagte, dass sie sich gerade in einer art hochphase befindet, vollkommen motiviert sei und dass sie weiß, dass sie es alleine schafft. warum sie soviel angst vor der therapie hat, weiß sie selbst nicht. sie will viel viel lieber weiterstudieren und nicht noch mehr zeit "verlieren". dass es um ihr überleben geht, will sie anscheinend nicht wahrhaben.

nun, gestern ist sie wieder gefahren und ich habe ernsthaft überlegt, ob ich sie zur nächsten klinik bringe und ihre mutter anrufe, dass sie einen entmündigungsantrag via eilverfahren erwirkt. ich habe sie gefragt, ob ich sie nicht doch lieber ins krankenhaus bringen sollte, aber sie wollte nicht. ich kann sie doch nicht einfach so gegen ihren willen dazu zwingen, obwohl ich mir denke, dass es der einzige weg ist, ihr zu helfen.

naja. nun sitze ich hier und habe wahnsinnige angst, dass sie nichteinmal die nächsten tage überlebt. ich weiß, dass es nicht meine schuld wäre, wenn sie stirbt, aber es ist trotzdem ein furchtbares gefühl, jemanden zu verabschieden, der dem tode so nahe steht und zu wissen, dass es vielleicht das letzte mal war, dass man diese person hat lachen sehen, oder sich mit ihr unterhalten hat.

hättet ihr vielleicht ein paar anregungen, oder vorschläge, was ich unternehmen könnte, damit sie endlich anfängt eine therapie zu machen? ich bin ziemlich fertig wegen der ganzen geschichte und bräuchte einfach ein paar meinungen.

danke...

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15. Juni 2009 um 22:52

Echt schlimm!
Hallo,
das nimmt mich echt mit, was du erzählst. Vor allem, weil es so typisch ist!
Hab selbst sehr mit einer Ess-Störung zu kämpfen, aber zum Glück nicht in so extremem Maß. Aber dennoch kenne ich beide Seiten ein wenig.
Ihre Seite verstehe ich teilweise, aber leider ist diese "Seite" sehr hoffnugnslos. Ich habe viel über Magersucht gelesen, z.B. auch Geschichten/ Bücher, die vom Leben einer Magersüchtigen handeln, die daran gestorben ist. Und das Verhaltensmuster war GENAU das gleiche!
Natürlich kann ich jetzt nur meine Meinung und verschiedene Vergleiche anstellen - weil ich kenne sie ja nicht. Aber ich denke, dass sich bei dieser Krankheit (denn es ist ein KRANKHEIT!) schon viele Parallelen zwischen den "Fällen" ziehen lassen.
Erstmal: sie wird NICHT von selbst da raus kommen. Niemals! In diesem Stadium nicht mehr. Nicht mal, wenn sie es will. Klingt hart, aber das ist leider die Realität. Magersüchtige lügen sich und vor allem anderen etwas vor.
Dass sie so realistisch über ohre Situation redet bedeutet nicht wirklich was. Klar sieht sie, dass sie krank ist - vermutlich weiß sie auch dass sie sterben wird, aber diese Erkenntnis geht nicht bis in ihren Willen. Magersüchtige haben einen Ekel vor Essen. Das geht gar nicht mehr unbedingt um's Dünner werden - der eigene Körper ist dann meist sowieso schon eine Art Fremdkörper geworden, der als "Ballast" mitgeschleift wird. Sondern (so wurde es von einer anderen Betroffenen beschrieben) dieser Widerwillen zu essen ist das Problem - es ist, als ob man Stimmen im Kopf hat, die einem verbieten zu essen. Und selbst wenn man es sich vornimmt - der ganze Körper weigert sich. Der Kopf, der Körper und die eigenen Gedanken scheinen irgendwie nicht mehr zusammen zu arbeiten. Das hat glaub ich auch viel mit Psyche, bzw. Psychose zu tun, aber damit kenne ich mich nun wirklich nicht aus.
Auf jeden Fall geht Magersucht in diesem Stadium weit über den Wunsch abzunehmen hinaus!
Und die Angst vor der Therapie?
Vermutlich, weil sie dort gezwungen wird zu essen, bzw. durch den Schlauch ernährt wird (jedenfalls am Anfang). Sie verliert jede Kontrolle über Kalorien usw. und das ist der Horror in dieser Situation! Und sie wird wohl ständig überwacht, so dass sie sich auch nicht übergeben kann oder so. Viele probieren dann alles Mögliche, um Kalorien loszuwerden. Sie setzten sich eisiger Kälte aus, weil der Körper so mehr Energie verbraucht, oder sie stehen und bewegen sich den ganzen Tag.
Ich vermute, dass die Therapie deswegen Panik auslöst.

Das größte Problem: solange sie es nicht selbst will, kann niemand ihr wirklich helfen. Das ist schrecklich und es tut mir so leid - aber solange sie nicht wirklich überzeugt ist, wird sie immer wieder weiter machen. EInpaar Kilo zunehmen, damit sie endlich entlassen wird - und dann das Ganze von vorne. Und auch wenn sie sagt, dass sie es schaffen kann, ist das meist nur oberflächlich um andere und sich selbst zu beruhigen. Die Krankheit wirklich zu überlisten ist viel, viel schwerer! Darüber hat der WIlle meistens gar keine Macht mehr!
Die TOchter einer Bekannten hatte auch mit 13 (!) Magersucht. Sie hat unzählige Therapien gemacht, aber sie ist auch immer und immer wieder rückfällig geworen. Keine Ahnung, wie es ihr heute geht.

Ich weiß, dass ist alles nur deprimierend und absolut keine Hilfe, aber ich denke, du musst dir erstmal klar machen, dass Magersucht eine schlimme psychische Krankheit ist, die das gesamte Denken übernimmt. Und da bringen Gespräche usw. kaum noch etwas. Weil, wie du sagst, die meisten Betroffenen können ganz nüchtern über ihre Situation sprechen - aber was ihr Kopf ihnen wirklich sagt, ist eine ganz andere Geschichte.
Aber wie Lappi sagt: suche den Kontakt zu Beratungen, Eltern, Ärzten - zu Leuten, die sich wirklich auskennen. Und natürlich ist es wichtig, ihr klar zu machen, dass sie Freunde hat, die nicht wollen dass sie stirbt. Aber wenn ich ehrlich bin weiß ich nicht, ob das noch was bringt.
So wie du es beschreibst, ist sie schon so tief drin, dass es wirklich sehr eilt.
Ich will dir nicht den Mut nehmen - im Gegenteil: ich wünsche dir und ihr sehr, dass sie es schafft!!! Aber die traurige Realität ist nunmal, dass viele selbst in ärztlicher Behandlung sterben, weil der Verstand und die ärztlichen Mittel einfach keine Macht mehr über die Psyche und die Krabkheit haben. Und man kann sie ja auch nicht ewig ans Bett fesseln.
Aber ich finde es gut, dass du sich für sie einsetzten willst! Aber übernimm nicht die Verantwortung! Dazu bist du gar nicht fähig. Hilf, den richtigen Weg zu gehen, aber gib die Verantwortung ab. Auch wenn sie das allein schaffen will - das wird sie nicht. Und ihr habt nicht die Kraft und das Wissen und die Möglichkeiten, sie wirklich zu unterstützen. Das macht dich nur kaputt. Vor allem, weil es oftmals vielleicht gar nicht mehr sie selbst ist, mit der du zu tun hast, sondern wirklich nur noch die Krankheit, die ihr Denken übernommen hat.

Ich wünsch dir alle Kraft und hoffe, ich hab dir nicht allen Mut genommen. Aber das ist die Realität und ich kenne das! Die Krankheit/ Sucht ist so hinterhältig... man kann das als nicht Btroffener kaum verstehen. Eine Magersüchtige steht vor dem SPiegel und findet sich ZU DICK! Verstehst du? Da kann man noch so viel denken, dass sie nur Haut un Knochen ist und man kann ihr tausend mal sagen, dass sie viel zu dünn ist... auch Vergleiche bringen nix. Sie sieht sich wirklich dick! Sie sieht nicht mehr die Realität. Das musst du begreifen, wenn du ihr helfen willst, auch wenn es kaum möglich ist.

Gib nicht auf!



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16. Juni 2009 um 23:20

...
Hallo,

zunächst einmal muss ich sagen: ich finde es wirklich toll und beachtlich, wie viele Gedanken Du Dir um Deine Ex-Freundin und diese Situation machst, auch wenn es Dich zu quälen scheint.

Der Umgang mit Essgestörten ist auch deshalb schwierig, weil ein Teil der Krankheit auch ein Kontroll- und Autonomieproblem ist - darüber hinaus ist es im wahrsten Sinne eine Sucht, und welcher Süchtige lässt sich sein Suchtmittel gern wegnehmen? Ich halte es für irre wichtig, dass die Problematik nicht totgeschwiegen wird, weil es "eh nichts" brächte oder weil die Betroffene ablehnend reagiert. Rückmeldungen sind wichtig - auch deshalb, damit die Erkrankte mitbekommt, welche Reaktionen (Besorgnis, Hilflosigkeit, Erschrecken) ihr Zustand bei anderen hervorruft.

Auch wenn die Entscheidung sowieso Deine sein wird: an Deiner Stelle würde ich, wie die beiden vor mir auch schon geschrieben haben, Unterstützung von außen holen. Es ist unwahrscheinlich, dass Deine Freundin ihren Zustand richtig einschätzen kann, und die Unterstützung von außen sollte auch dazu dienen, Dich zu entlasten und das Netz an Hilfemöglichkeiten auszuweiten. Die Krankheit IST drastisch, und es ist meines Erachtens deshalb nicht unangemessen, drastische Mittel in Erwägung zu ziehen.

Alles Gute - halte uns, wenn Du magst, auf dem Laufenden...

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